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Afrika : Flucht vom Kontinent der verlorenen Hoffnungen

  • -Aktualisiert am

Endstation. Ein Afrikaner aus Mali wird aus Marokko abgeschoben Bild: AP

Agadez in Niger, Adre in Tschad und Gao in Mali - Anlaufpunkte für Emigranten und Umschlagplätze einer prosperierenden Schleuserindustrie. Viele junge Afrikaner träumen davon, das Elend hinter sich zu lassen.

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          Es gibt drei Orte in der Sahelzone, die jeder kennt, der sich mit dem Gedanken trägt, den afrikanischen Kontinent in Richtung Europa zu verlassen: Agadez in Niger, Adre in Tschad und Gao in Mali. Von dort aus starten die Flüchtlingstransporte durch die Sahara, nach Algerien und Libyen. Von Algerien aus geht die Reise weiter nach Marokko, die Kanarischen Inseln und schließlich nach Spanien. Die Route über Libyen endet in Italien.

          Die drei Orte liegen geographisch im Zentrum einer wachsenden Industrie: Gao ist für Flüchtlinge, die aus Senegal, Sierra Leone, Liberia, Elfenbeinküste, Burkina Faso und Mali kommen, leicht zu erreichen. Agadez wiederum ist nur vier Autostunden von der nigerianischen Grenze entfernt, und Adre ist Anlaufstelle für diejenigen, die aus weiter südlich gelegenen Ländern wie Kamerun, Kongo und der Zentralafrikanischen Republik kommen. Längst lebt eine Stadt wie Gao vom Wagemut und der Verzweiflung der Emigranten. Es gibt ausreichend wüstentaugliche Transportmittel in Gao, ebenso teure wie heruntergekommene Unterkünfte und ein Bordell, in dem die Frauen, denen unterwegs das Geld ausgegangen ist, ihre Reise „verdienen“ müssen.

          Bis zu 3500 Euro für einen vielleicht tödlichen Trip

          Wie viele Afrikaner sich jedes Jahr aufmachen, die Sahara zu durchqueren, ist nicht bekannt. Dabei ist diese Gegend längst Aufmarschgebiet der amerikanischen Armee, die in der Wüste Islamisten vermutet und deshalb die lokalen Armeen trainiert. Doch selbst wenn die Sicherheitskräfte sich entschließen würden, den Schmuggel zu stoppen, rechtlich können sie kaum etwas gegen die Flüchtlinge unternehmen. Sofern die Durchreisenden über Ausweise aus einem der Staaten der westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (Ecowas) verfügen, die von Visumspflicht innerhalb der Union befreien, halten sich die Ausländer legal in Gao, Adre oder Agadez auf. Wohin die Menschen reisen, wenn sie sich auf altersschwache Lastwagen schwingen, weiß natürlich jeder. Aber der Versuch der illegalen Einreise nach Algerien ist in Mali beispielsweise kein Vergehen.

          Sie wollten von Mali nach Europa. Weiter als Marokko kamen sie nicht

          Bis zu 3500 Euro kostet der nicht selten tödlich endende Trip durch die Wüste, der von Nigeria aus gesteuert werden soll. Das scheint nicht viel, wird aber zu einer kolossalen Summe, wenn es auf das westafrikanische Durchschnittseinkommen von 50 000 Franc CFA (76 Euro) umgelegt wird. Dann entspricht der Preis für die Reise ins vermeintliche Paradies knapp vier Jahren Arbeit. Ganze Familien verschulden sich, um einem der ihren die Ausreise zu ermöglichen - in der Hoffnung, alsbald Dividende zu erzielen. Dabei ist die Route durch die Sahara nur einer von vielen Wegen, den Kontinent zu verlassen, gleichsam der Ameisenpfad für die Armen, die nicht genug Geld für ein Schengen-Visum aufbringen konnten.

          Eine Flut von Visa-Anträgen

          Afrika, der Kontinent der verlorenen Hoffnungen und der leeren Versprechungen, sitzt auf gepackten Koffern. Und es gibt nahezu nichts, was ein entschlossener Afrikaner nicht bereit wäre zu tun, um auszuwandern. Dabei sind die Hürden, die europäische Botschaften in Afrika für die Erteilung von Visa aufgebaut haben, nur vermeintlich hoch. Um ein Touristenvisum für den Schengen-Raum zu erhalten, muß der Antragsteller eine Einladung aus dem Land vorlegen, bei dessen Botschaft er den Antrag stellt, ein Hin- und Rückflugticket, eine Hotelreservierung und einen Kontoauszug, aus dem hervorgeht, daß er seinen Aufenthalt in Europa aus eigener Tasche finanzieren kann. Soweit die Theorie. Bei der Flut von Visa-Anträgen, die im frankophonen Afrika speziell die französischen und belgischen und im anglophonen Teil des Kontinents die britischen und amerikanischen Botschaften ausgesetzt sind, können diese Angaben häufig nur stichprobenartig überprüft werden. Zudem liegt die Erteilung eines Visums nicht selten im Ermessensspielraum des jeweiligen Sachbearbeiters, und so ist ein Ja oder ein Nein mitunter von der Tagesform abhängig. Wer einmal das drei Monate gültige Visum in Händen hält, wird so schnell nicht wieder gesehen.

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