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Ashraf Ghani in Washington : Neustart trotz Abzug

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Afghanistans Präsident Ghani (l) und der amerikanische Außenminister John Kerry beim Gespräch im Pentagon. Bild: AP

Afghanistans Präsident demonstriert bei seinem Besuch in Washington Einigkeit mit John Kerry. Ihm liegt daran, dass die Amerikaner ihre Antiterroroperationen fortsetzen. Und er hat viele Republikaner auf seiner Seite.

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          Seit der Pleite mit Putin ist das Wort vom „Reset“ in Washington verpönt. Doch der einwöchige Besuch des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani, der am Sonntag mit seinem zum „Regierungsvorsitzenden“ etikettierten Rivalen Abdullah Abdullah und etlichen Ministern eintraf, soll vor allem das symbolisieren: einen Neustart nach gut 14 Jahren Krieg, die zuletzt von immer schlechteren Beziehungen zwischen den Amerikanern und Ghanis Vorgänger Hamid Karzai gekennzeichnet waren.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Militärische Ehren am Pentagon sowie eine ausführliche Zukunftsdiskussion mit den amerikanischen Ministern für Äußeres, Verteidigung und Finanzen in der behaglichen Kaminfeuer-Atmosphäre von „Camp David“ am Montag; eine Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten auf dem Nationalfriedhof und dann ganze fünf Stunden mit Präsident Barack Obama im Weißen Haus an diesem Dienstag; am Mittwoch schließlich eine Ansprache Ghanis vor dem Kongress: Keine Gelegenheit zur Bekundung wechselseitigen Respekts soll ausgelassen werden, bevor die Afghanen am Donnerstag zu Gesprächen mit UN-Vertretern nach New York weiterreisen. Vor allem Obama liegt an einer Demonstration, dass er in Kabul endlich einen echten Partner habe, mit dem die islamistische Gefahr gebannt oder zumindest eingehegt werden könne. Ghani schlägt einen freundschaftlichen Ton an, damit die Amerikaner ihn nicht im Regen stehen lassen.

          Es geht um Geld und um Soldaten. Was die Finanzen angeht, wollen die Amerikaner mit ihren Gästen nur bereden, inwiefern Ghanis Regierung bereits bewilligte Zuwendungen aus Amerika für seine Entwicklungsagenda umwidmen darf. Brisanter ist die Frage nach den Soldaten.

          Nicht die gleichen Fehler wie im Irak machen

          Obama dürfte die gemeinsame Pressekonferenz nutzen, um zu bestätigen, was seine Spatzen längst von Kabuls und Washingtons Dächern pfeifen lässt: Die vor knapp einem Jahr angekündigte Halbierung der Truppenstärke bis Dezember 2015 fällt aus. Vielmehr wird jetzt damit gerechnet, dass die Amerikaner noch anderthalb Jahre mit nahezu 10.000 Soldaten am Hindukusch präsent bleiben; damit könnten auch Deutschland und die anderen europäischen Partner ihren Abzug weiter hinauszögern. Demnach blieben die ausländischen Soldaten noch den größeren Teil des nächsten Jahres über auch außerhalb Kabuls präsent, was Ghani ein wichtiges Anliegen ist. Sie sollen die afghanischen Sicherheitskräfte ausbilden und beraten, aber auch Dschihadisten jagen.

          Während Karzai den Amerikanern am Ende Knüppel zwischen die Beine warf und sie als Besatzer beschimpfte, bettelt die neue Regierung geradezu um fortgesetzte Antiterroroperationen der Amerikaner. „Afghanistan bittet die Vereinigten Staaten nicht, unsere Aufgabe für uns zu erledigen“, versprachen Ghani und Abdullah zwar in einem gemeinsamen Artikel, den die „Washington Post“ veröffentlichte. „Unser Endziel ist Eigenständigkeit“, gelobten die beiden Politiker. Doch zugleich suchten sie ihren Gastgeber aus seiner afghanischen Kriegsmüdigkeit zu reißen, indem sie ihr Land als „östliche Mauer, die dem Gemetzel des ,Islamischen Staats‘ Einhalt gebietet“, anpriesen. Das war die etwas subtilere Variante der von vielen Republikanern umso lauter vorgebrachten Ermahnung an Obama, am Hindukusch nicht die Fehler zu wiederholen, die er an Euphrat und Tigris begangen habe. Hätte Amerika sich nicht ganz aus dem Irak zurückgezogen, so die Logik, dann gäbe es dort heute keinen „Islamischen Staat“. Das Weiße Haus ließ erkennen, dass es in Afghanistan derzeit keinen starken Arm des „Islamischen Staats“ heranwachsen sieht.

          Sosehr Obama gewillt ist, den Truppenabzug „flexibel“ zu entschleunigen, so nachdrücklich ließ das Weiße Haus wissen, dass der Zeitrahmen insgesamt feststehe: Wenn Obama im Januar 2017 das Oval Office räumen muss, heißt das, dann sollen von der amerikanischen Afghanistan-Mission nur noch ein paar hundert Mann in einem Kabuler „Büro für Sicherheitskooperation“ übrig sein. An dieser Absicht halte man fest, bekräftigte Obamas Afghanistan-Berater Jeff Eggers, auch wenn die politische Krise nach der Präsidentenwahl voriges Jahr einige „nicht triviale Verzögerungen“ verursacht habe. Erklärend fügte ein ranghoher Mitarbeiter Obamas später hinzu: „Es gibt eine moralische Verantwortung, Gefahren von Amerikanern fernzuhalten“ - also Soldaten aus einer Gegend abzuziehen, die offenbar auch nach Einschätzung des Weißen Hauses gefährlich bleibt. „An irgendeinem Punkt“, so der Regierungsvertreter weiter, „muss man einfach ein Ende festlegen. In Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Jemen, Somalia oder Irak wird an diesem Ende nicht alles stabil und sicher oder frei von Gewalt und bösen Buben sein.“

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