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Afghanistans Armee : Bis alles schläft und keiner mehr wacht

  • -Aktualisiert am

Drill am Nachmittag: Ein Zugführer zeigt, wie man marschiert. Bild: Pilar, Daniel

Wenn ein Bataillon der afghanischen Armee beim Kampf gegen die Taliban in die Gänge kommen soll, gilt es zunächst innere Widerstände zu überwinden. Es mangelt an Kraftstoff und Ausbildung, an Eignung und vor allem am Zusammenhalt der Ethnien. Wie soll diese Truppe für Sicherheit sorgen?

          8 Min.

          Im Nordosten Afghanistans, an der großen Ringstraße, die das ganze Land umfasst, liegt ein Lager der afghanischen Armee. Nach Süden geht es in die Unruheprovinz Baghlan, gen Norden liegt Masar-i-Scharif. Die Gegend ist ergrünt nach den Regenfällen des Frühjahrs. Bauern arbeiten auf Reis- und Weizenfeldern. Hinter ihnen erstreckt sich die Gebirgskette Say-e Espand Zar. Sie liegt in der Provinz Samangan, einer der ärmsten in Afghanistan.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          „Glaubt nicht, dass das ein ewiges Training ist“, ruft Hauptmann Nasir Ahmadi seinen Soldaten zu, die vormittags bei 47 Grad Celsius auf einem Hügel in der Sonne hocken. Der korpulente Kompaniechef fasst sich an den Schnauzbart, hebt die Hand und wedelt mit der abgeschraubten Antenne eines Militärtransporters, die ihm als Zeigestock dient. „Eines Tages findet ihr euch in der Wirklichkeit wieder, und das wird kein Spaß.“ Einige nicken, andere schauen teilnahmslos. Paschtunen, die kein Dari verstehen. Also wiederholt Ahmadi alles noch mal in Paschtu, seiner Muttersprache.

          Vor einem Jahr ist das Bataillon mit seinen fünf Kompanien ausgehoben worden. In Samangan warten tausend afghanische Soldaten auf den Einsatz. Die Übung beginnt. Ein Bundeswehrsoldat, einer von zwei Mentoren für die afghanische Kompanie, hat eine Minenattrappe vergraben lassen. Die Afghanen, auf vier Pritschenwagen unterwegs, finden sie nicht. Ein aufgeregter afghanischer Soldat, der sich hinter einem Sandhügel versteckt hält, wirft deshalb eine Nebelgranate unter das erste Fahrzeug. Sie explodiert nicht. Er rennt auf die Straße und tritt auf die Nebelgranate. Nichts. Er nimmt den Blindgänger und schleudert ihn auf den Stein. Kein Rauch. Eine zweite Rauchgranate wird herangeschafft und gezündet. Beim Zurücksetzen würgt der Fahrer viermal den Motor ab. Die Soldaten springen ab, rennen durcheinander, aber bald in eine Art Stellung. Es ist ihre zweite Übung in diesem Jahr.

          Dafür sei es gar nicht so schlecht gelaufen, sagt der deutsche Berater, ein Hauptfeldwebel. Auf Grundausbildungs-Niveau sieht er die Soldaten, bestenfalls. Ab Juli beraten die 33 Bundeswehr-Mentoren, die sich ein paar hundert Meter entfernt vom Lager eingegraben haben, nur noch auf höherer Ebene. Im Zuge der Truppenverkleinerung der Nato werden auch die Ausbildungseinheiten reduziert. Dann müssen die afghanischen Soldaten alleine üben. Die Zukunft hänge jetzt an den jungen Afghanen, sagt ein deutscher Major.

          Die Zukunft der afghanischen Armee, Standort Samangan, ist 28 Jahre alt, intelligent und führungsstark. Der jüngste Kompaniechef des Kandaks. „Unser Superstar“, sagt der Major. Was Hauptmann Saed Zabur allerdings auch gehört hat. Seine schwarzen amerikanischen Kampfstiefel trägt er offen wie in einem Gangsterfilm. Über die Schulter hat er ein Holster für die Pistole geworfen, die Ersatzkugeln stecken einzeln eingesteckt in die Lederschlaufen des Gurtes. Draußen setzt Zabur die Sonnenbrille nie ab. Breitbeinig steht er vor seinen Soldaten. Kaum jemand ist aus der Gegend. Die meisten haben das amerikanische Sturmgewehr M16, tragen amerikanische Uniformen mit digital bedrucktem Tarnmuster und amerikanische Stiefel. Der Sold kommt auch aus Amerika.

          Der Versorgungsweg hat viele Abzweige

          In Zaburs Kommandozelt steht ein schwarzer Computer auf dem Diensttisch. „Love is life“, gleitet der rosafarbene Schriftzug des Bildschirmschoners hin und her. Zabur klickt durch seine gespeicherten Bilder. Auf einem posiert er mit einem Lämmchen im Arm. Auf einem anderen steht er zusammen mit amerikanischen Spezialkräften, mit denen er zwei Jahre lang trainierte. „Tagsüber war Training“, erzählt Zabur, „und nachts sind wir rausgeflogen und haben gekämpft“. Jetzt muss er sich damit herumschlagen, wie er an Benzin kommt.

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