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Afghanistan : Warnung vor dem Wettlauf zum Ausgang

  • -Aktualisiert am

Anti-amerikanische Demonstrationen am Dienstag in Dschalalabad Bild: dapd

Die Bluttat eines vermutlich verwirrten Soldaten hat in Amerika ein politisches Erdbeben ausgelöst. Doch Obama will die amerikanischen Truppen nicht schneller aus Afghanistan abziehen - trotz der zunehmenden Kriegsmüdigkeit.

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          In der Nacht zum Sonntag, um drei Uhr früh, schlüpft ein 38 Jahre alter Feldwebel des amerikanischen Heeres aus einer mit Sandsäcken und Stacheldrahtrollen gesicherten „Forward Operating Base“ im Südwesten der afghanischen Provinz Kandahar und verschwindet in der Dunkelheit. Doch der amerikanische Offizier bleibt nicht unbemerkt. Ein afghanischer Soldat, der den Außenposten im Bezirk Pandschwai bewacht, meldet den Vorfall den Amerikanern. Die stellen fest, dass einer ihrer Männer fehlt und setzen einen Suchtrupp in Marsch. Der Zug ist kaum ausgerückt, da kehrt der verschwundene Mann zu seiner Einheit zurück und stellt sich.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Vom amerikanischen Posten bis zum afghanischen Dorf Zangabad sind es nur einige Hundert Meter. Dort hat der Feldwebel in der Nacht zum 11. März ein Massaker angerichtet - seine Motive sind unklar. Er ist in mindestens zwei Häuser eingedrungen und hat 16 Zivilisten erschossen, unter ihnen neun Kinder - das jüngste zwei Jahre alt - und drei Frauen. Er schleppt die Leichname in den Innenhof der Häuser, setzt sie in Brand und verschwindet. Nachbarn eilen herbei, löschen die Brände und bergen die Toten.

          In Afghanistan und in den Vereinigten Staaten hat die Bluttat eines vermutlich geistig verwirrten Täters politische Erdbeben ausgelöst. Die afghanische Regierung hat das Massaker als unverzeihliches Verbrechen gegeißelt und fordert die Überstellung des Verdächtigen an die afghanischen Behörden. Dazu wird es freilich nicht kommen, vielmehr wird sich der Feldwebel vor einem amerikanischen Militärgericht verantworten müssen. Dort könnte ihm die Todesstrafe drohen, ließ Verteidigungsminister Leon Panetta bei einem Besuch in Kirgistan verlauten. Dass tatsächlich ein Todesurteil verhängt wird, ist indes unwahrscheinlich. Es dürfte schwierig werden, belastbare Indizien zu sammeln. Sollte sich der Unteroffizier schuldig bekennen und mit dem Militärgericht kooperieren, kann er mit einer deutlichen Strafmilderung rechnen. Bisher haben amerikanische Militärgerichte eher milde Urteile für Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten im Irak und in Afghanistan verhängt.

          Über den mutmaßlichen Täter weiß man, dass er verheiratet und Vater zweier Kinder ist. Es soll zuletzt Probleme in der Familie des Mannes gegeben haben. Er war seit 2003 drei Mal im Irak stationiert, zu seinem ersten Einsatz in Afghanistan kam er am 3. Dezember. Bei einem Unfall im Irak, bei dem sich das Fahrzeug des Feldwebels überschlug, erlitt er ein Schädeltrauma. Er wurde aber nach langer medizinischer Behandlung wieder diensttauglich geschrieben.

          In dem Posten im Bezirk Pandschwai sind Soldaten einer Brigade im Einsatz, die in Fort Lewis im amerikanischen Bundesstaat Washington an der Westküste beheimatet ist. Soldaten einer anderen Brigade aus Fort Lewis wurden im vergangen Jahr wegen des Mordes an afghanischen Zivilisten zu Freiheitsstrafen zwischen drei Jahren und lebenslang verurteilt, wobei die Strafe des Haupttäters nach Verbüßung von neun Jahren Haft bei guter Führung zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Die Soldaten des als „Kill Team“ bekanntgewordenen Zuges hatten bei ihren Bluttaten im Bezirk Maiwand, dem nördlichen Nachbardistrikt von Pandschwai, Körperteile von den Leichnamen afghanischer Zivilisten als Kriegstrophäen abgetrennt.

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