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Nach Anschlag auf Schülerinnen : Wollen die Taliban die Opferzahlen verschleiern?

Beerdigung einer 20 Jahre alten Schülerin, die bei dem Anschlag getötet wurde Bild: AP

Mindestens 53 Menschen, die meisten von ihnen junge Frauen, wurden vergangenen Freitag bei einem Anschlag in Kabul getötet. Die Taliban haben offenbar kein Interesse, die wahren Opferzahlen zu nennen.

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          Der Anschlag auf eine Bildungseinrichtung für Mädchen in Kabul war offenbar deutlich blutiger, als die herrschenden Taliban bisher eingestehen. Die UN-Mission UNAMA geht inzwischen von mindestens 53 Todesopfern und 110 Verletzten aus. Die Taliban hatten bislang nur 25 Todesopfer bestätigt, doch die amerikanische Nachrichtenagentur AP konnte bereits die Identität von 52 der Toten ermitteln, die meisten von ihnen Mädchen oder junge Frauen im Alter zwischen 17 und 20 Jahren, wie es heißt.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          Damit ist der Anschlag der blutigste seit dem endgültigen Abzug der ausländischen Truppen aus Afghani­stan. Ein Attentäter hatte das „Kaaj Higher Educational Center“ im Westen Kabuls am Freitagmorgen angegriffen, während dort Vorbereitungsexamen für die Aufnahmeprüfung zur Universität stattfanden. Seit der Machtübernahme der islamistischen Taliban vor gut einem Jahr sind Schulen für Mädchen oberhalb der sechsten Klasse geschlossen, das Studium an Universitäten aber weiterhin für beide Geschlechter erlaubt, wenn auch mit großen Einschränkungen für Frauen.

          Für viele Mädchen, die nicht mehr am normalen Schulunterricht teilnehmen können, sind Kurse in privaten Einrichtungen eine der wenigen Bildungsmöglichkeiten. Nach Berichten von Augenzeugen, die AP zitierte, waren am Freitagmorgen zunächst einige Gewehrsalven zu hören, bevor eine heftige Explosion das „Kaaj Higher Educational Center“ erschütterte, das in einem überwiegend von Hazara bewohnten Viertel im Westen Kabuls liegt. Die schiitischen Hazara wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Opfer blutiger Anschläge, hinter denen oft der afghanische Ableger des „Islamischen Staats“ stand, der mit den Taliban verfeindet ist und schiitische Muslime als „Ungläubige“ betrachtet. Zum Anschlag vom Freitag hat sich bislang niemand bekannt.

          Wird den Hazara nicht erlaubt, sich zu schützen?

          Die paschtunisch dominierten Taliban geben zwar vor, unter ihrer Herrschaft alle Afghanen gleich zu behandeln, doch klagen viele Hazara über politische Ausgrenzung, Diskriminierung und fehlenden Schutz, weshalb sie  zu einem leichten Ziel für Terrorgruppen werden. Ein Professor einer Hazara-Universität berichtete der F.A.Z.  im Sommer, man bemühe sich seit Monaten darum, dass die Wächter der Einrichtung von der Taliban-Regierung  die Erlaubnis erhielten, Waffen zu tragen. Doch immer wieder werde der Antrag verschleppt, obwohl private Wachmänner  mit Sturmgewehren in Afghanistan zum Alltag gehören. Auch ein Jahr nach ihrer Machtübernahme versuchen die Taliban, andere Volksgruppen weitgehend von Waffen fernzuhalten.

          Doch zeigt der Umgang mit den Opferzahlen vom Freitag, dass die neuen Herrscher Afghanistans offenbar kein Interesse daran haben, dass die wahren Dimensionen des blutigen Angriffs auf die jungen Frauen publik werden. Und das wohl nicht nur, weil es zu der Frage führen würde, warum die bedrohten Hazara praktisch keinen Schutz genießen. Vor allem stellt jeder größere Anschlag das Versprechen der Islamisten infrage, nach Jahrzehnten von Gewalt und Bürgerkrieg endlich für Sicherheit und Stabilität im Land zu sorgen. Für viele Afghanen ist dies – bei allen Entbehrungen, die die repressive Herrschaft der Taliban mit sich bringt – ein Argument für die Machthaber.

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