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Deutschland und Kundus : Aus Idylle wurde Krieg

Von Deutschen ausgebildet: Afghanische Polizei im Jahr 2008 während einer Übung in Kundus Bild: Daniel Pilar

Auf Kundus richteten sich einst die höchsten Hoffnungen der Deutschen. Doch die waren schon bald nicht mehr von den afghanischen Realitäten gedeckt. Über einen Ort, mit dem Deutschland viel verbindet.

          3 Min.

          Mit keinem Ortsnamen verbindet sich der jahrzehntelange Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan so sehr wie mit dem der Stadt Kundus, auch wenn die Mission der Bundeswehr einst im Jahr 2002 in der afghanischen Hauptstadt Kabul begann und vor wenigen Wochen mit dem Abzug aus dem Hauptstützpunkt Mazar-i-Scharif endete. Auf die Entwicklung von Kundus richteten sich einst die höchsten Hoffnungen der deutschen zivilen und militärischen Helfer, und in der Gegend von Kundus ereigneten sich auch die schlimmsten Gefechte, die Soldaten der Bundeswehr je durchstehen mussten.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Am Anfang stand eine trügerische Idylle: Das deutsche Einsatzkontingent machte sich im Herbst des Jahres 2003 auf in den Norden Afghanistans. Ein Jahr zuvor hatte der Bundestag erstmals deutsche Soldaten in das Land am Hindukusch geschickt. In Berlin regierten SPD und Grüne unter Führung des Bundeskanzlers Gerhard Schröder, die nach dem Anschlag der islamistischen Al-Qaida-Terroristen an der Seite der Amerikaner Flagge zeigen wollten – umso mehr, als sie nicht bereit waren, dem damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush bei seinem Feldzug gegen den irakischen Machthaber Saddam Hussein zu folgen, der im Frühjahr 2003 begonnen hatte.

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          Der Einsatz der westlichen Soldaten unter UN-Mandat (ISAF), dem bald die NATO mit einer eigenen Mission folgte, war die erste und direkte Reaktion auf den Angriff der islamistischen Al-Qaida auf Amerika mittels entführter Flugzeuge am 11. September 2001 gewesen. Die Beteiligung der Bundeswehr verband sich mit der Vorstellung, es könne militärische Sicherheit Hand in Hand gehen mit zivilem Wiederaufbau und wirtschaftlicher Entwicklung des armen und von Jahrzehnte währenden Kriegswirren gezeichneten Landes.

          2009 änderte sich das Bild des Einsatzes in Deutschland

          Als ISAF und NATO 2003 ihren Einsatz in diese Richtung anpassten und fortan nicht länger nur in der Hauptstadt Kabul, sondern auch in wichtigen Provinzstädten mit regionalen Aufbau-Teams (PRT) präsent sein wollten, da entschied sich Deutschland für ein Engagement im Norden, in der Stadt Kundus. Eine Stationierung im westafghanischen Herat, die auch erwogen worden war, wurde – wie der damalige Außenminister Joschka Fischer von den Grünen im Bundestag angab – unter anderem deswegen verworfen, weil die Sicherheitslage in der nördlichen Provinz nahe der Grenze zu Tadschikistan als stabiler galt.

          Die deutschen Soldaten schlugen ihr erstes Feldlager mitten in Kundus auf, im weitläufigen Anwesen eines afghanischen Geschäftsmannes, die Tische und Bänke der Feldküche standen zwischen gepflegten Rosenbeeten. Nach sechs Monaten waren in Kundus neben 250 deutschen Soldaten etwa 400 Mitarbeiter von 70 Hilfsorganisationen im Einsatz. Während die Bundeswehr mit der Schulung von Einheiten der afghanischen Armee begann, organisierten deutsche Polizeihelfer Abendkurse für die neu rekrutierten afghanischen Polizisten, um ihnen Lesen und Schreiben beizubringen.

          Berliner Strategie: der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer 2004 in Kundus
          Berliner Strategie: der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer 2004 in Kundus : Bild: Picture-Alliance

          Fünf Jahre später hatte sich die Lage schon dramatisch verändert. Nicht nur Selbstmordanschläge und Sprengfallen stellten eine immer häufigere Gefahr dar, es kam vermehrt auch zu direkten Attacken von Kämpfern der Taliban-Milizen. Die Bundeswehr hatte inzwischen die militärische Sicherheitsverantwortung für den gesamten Norden Afghanistans übernommen und ihr Hauptquartier nach Mazar-i-Scharif verlagert; das Feldlager in Kundus war aus Sicherheitsgründen aus der Stadt heraus auf eine Anhöhe am Flugplatz verlagert und mit Steinwällen gesichert worden.

          In der Nähe von Kundus ereignete sich im September 2009 ein Vorfall, der das Bild des Afghanistan-Einsatzes in der deutschen Öffentlichkeit gründlich veränderte: Auf Anordnung des deutschen Regionalbefehlshabers Oberst Georg Klein bombardierten amerikanische Kampfflugzeuge zwei von den Taliban entführte Tanklaster; in der dadurch verursachten Explosion kamen dutzende Menschen ums Leben.

          Eine düstere Prognose, die sich bewahrheitete

          Auch die Verluste der Bundeswehr stiegen. Am Karfreitag des Jahres 2010 starben während des bislang schwersten Angriffs der Taliban auf Kräfte der Bundeswehr drei deutsche Soldaten, acht weitere erlitten Verletzungen. Nach diesem „Karfreitagsgefecht“ änderte sich die Bewertung des Charakters des deutschen Einsatzes; der damalige Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg sagte nun, er habe „Verständnis für jeden, der von Krieg spricht“. Schon wenige Wochen später fielen abermals vier deutsche Soldaten während eines Taliban-Überfalls auf ihre Patrouille, fünf weitere wurden verletzt.

          Die westliche Militärmission erhöhte in den folgenden Jahren Umfang und Tempo bei der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte und begann mit Planungen für die Verringerung der eigenen Präsenz. Zum Jahresbeginn 2014 wurde der NATO-Einsatz in eine reine Ausbildungsmission umgewidmet. Die Bundeswehr verließ ihr Feldlager in Kundus, wo mittlerweile bis zu 900 deutsche Soldaten stationiert gewesen waren, und zog ihre Kräfte nach Masar-i-Scharif zurück. Schon damals, Ende 2013, gab der damalige Bürgermeister der Stadt düstere Prognosen ab, was nun geschehen werde: Der Abzug komme zu früh, den Schulen, Krankenhäusern und Straßen, die mit westlicher Hilfe entstanden seien, drohe die Zerstörung.

          Die Prophezeiungen bewahrheiteten sich. 2015 begannen die Taliban im Frühjahr mit einer ersten Belagerung der Stadt; im Herbst gelang ihnen mit einem Überraschungsangriff vorübergehend die weitgehende Eroberung von Kundus. Deutsche Militärberater kehrten in das Camp Pamir oberhalb der Stadt zurück, um den afghanischen Streitkräften Rat und Hinweise für die Gegenoffensive zu geben. Sie blieben auch nach der Rückeroberung der Stadt in wechselnder Stärke präsent. Ende November 2020 verließ die Bundeswehr dann Kundus endgültig, nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump eine drastische Verkleinerung der amerikanischen Truppen im Land vollzogen hatte. Nun sind die Taliban zurück.

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