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Enteignung von Familien : Tausende demonstrieren gegen Taliban in Kandahar

Frauen und Männer demonstrieren am Dienstag in Kandahar gegen eine Zwangsräumung der Taliban. Bild: AFP

Die Wut in der südafghanischen Stadt Kandahar ist groß. 3000 Familien sollen eine Wohnsiedlung des Militärs binnen drei Tagen räumen. Die Taliban selbst weisen Gerüchte über tödliche Machtkämpfe an ihrer Spitze zurück.

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          Trotz des teils gewaltsamen Vorgehens der Taliban gegen Demonstranten reißen die Prosteste in Afghanistan nicht ab. In Kandahar gingen am Dienstag Tausende auf die Straße. In sozialen Medien waren Bilder und Videos von Menschenmengen zu sehen, die durch die Straßen zogen und sich auf einem großen Platz versammelten.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete unter Berufung auf einen Mitarbeiter der abgesetzten afghanischen Regierung, dass die Demonstranten vor den Gouverneurssitz im Zentrum der Stadt gezogen seien, nachdem die Taliban 3000 Familien aufgefordert hatten, eine Siedlung zu räumen, in der Angehörige der afghanischen Armee gewohnt hatten.

          Den Familien, von denen manche seit fast 30 Jahren in der Siedlung lebten, sei von den neuen Machthabern drei Tage Zeit gegeben worden, ihre Häuser zu räumen. Das im Südosten Afghanistans gelegene Kandahar gilt eigentlich als eines der Machtzentren der Taliban. Aus der Provinz stammen viele ranghohe Kader der Islamisten, unter ihnen der erste Taliban-Emir Mullah Omar. In Kandahar waren die Taliban auch in den neunziger Jahren erstmals in Erscheinung getreten.

          Selbst von der Geschwindigkeit der Machtübernahme überrascht

          Offene Protestaktionen gegen die Islamisten waren in den letzten Tagen deutlich seltener geworden, nachdem die Taliban gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen waren. Auch mehrere Reporter, die über Proteste berichtet hatten, waren in der vergangenen Woche schwer misshandelt worden. Nach der Vorstellung ihrer Übergangsregierung am vergangenen Mittwoch hatten die neuen Machthaber strenge Regeln für Kundgebungen erlassen, die seitdem vom Justizministerium genehmigt werden müssen.

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          Auch in Kabul sollen Taliban-Milizen in den letzten Tagen viele Wohnhäuser in Beschlag genommen haben, um dort ihre Kämpfer unterzubringen. Nach der Machtübernahme der Islamisten Mitte August hatten viele Tausende Menschen überstürzt das Land verlassen. Allein über die Luftbrücke vom Kabuler Flughafen waren weit mehr als 100.000 Menschen aus Afghanistan geflohen. Viele der Häuser der früheren Elite der Stadt sollen inzwischen von den Taliban besetzt worden seien.

          Immer wieder hatte es zuletzt geheißen, dass auch die Taliban von der Geschwindigkeit überrascht worden waren, in der ihnen die Macht im Land zugefallen war. Berichte über Machtkämpfe zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb ihrer Reihen häufen sich. Die militärischen Führer verfügen in den dezentralen Strukturen der Islamisten über große Autonomie. Beobachter gehen davon aus, dass es den Taliban vor dem schnellen Fall Kabuls nicht gelungen war, Einflusssphären in der Stadt abzustecken, weshalb eine große Zahl von Kämpfern unkoordiniert in die Stadt gekommen war.

          Taliban-Sprecher muss Gerüchte dementieren

          Die Gerüchte über offene Machtkämpfe hatten am Montag ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden, als sich ein Sprecher der Islamisten genötigt sah, Spekulationen über den Tod eines der stellvertretenden Ministerpräsidenten der neuen Übergangsregierung, Mullah Abdul Ghani Baradar, zurückzuweisen. Auf Twitter meldeten die Taliban, Baradar habe Gerüchte, wonach er bei einer Auseinandersetzung verletzt oder getötet worden sein soll, in einer Sprachnachricht als haltlos bezeichnet. Zudem verbreiteten sie ein Video, das Baradar in Kandahar zeigen soll.

          Baradar, der als einer der Stellvertreter des Taliban-Emirs und früherer Leiter des Politischen Büros in Doha anfangs als das diplomatische Gesicht der Islamisten gegolten hatte, war schon seit mehreren Tagen nicht mehr öffentlich gesehen worden. Vor der Vorstellung der Übergangsregierung hatte er als aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten gegolten, wurde dann aber nur zu einem der Stellvertreter von Regierungschef Mullah Hassan Akhund benannt.

          In Kabul hatten zuletzt Gerüchte über Zusammenstöße zwischen Baradars Leuten und Anhängern des neuen Innenministers Sirajuddin Haqqani kursiert, der als eine der mächtigsten Figuren innerhalb der Taliban gilt und in der Organisation ebenfalls einer der Stellvertreter des Emirs ist. Haqqani soll im Gegensatz zu Baradar enge Beziehungen nach Pakistan und auch zur Terrororganisation Al-Qaida pflegen.

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