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Kandahar : Taliban erobern zweitgrößte Stadt in Afghanistan

  • Aktualisiert am

Mitglieder der Taliban am Donnerstag in der afghanischen Stadt Gasni. Bild: AP

Die militant-islamistischen Taliban setzen ihre Gebietsgewinne in Afghanistan fort. In Kandahar befreien sie die Insassen eines Gefängnisses und erbeuten dann nach eigenen Angaben unzählige Waffen und Munition.

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          Die militant-islamistischen Taliban setzen ihre dramatischen Gebietsgewinne weiter fort. In der Nacht zum Freitag eroberten sie Kandahar im Süden des Landes, die zweitgrößte Stadt Afghanistans. Das bestätigten zwei Parlamentarier und ein Provinzrat der Deutschen Presse-Agentur.

          „Kandahar ist vollkommen erobert“, erklärte ein Taliban-Sprecher am Freitag bei Twitter. „Die Mudschaheddin haben den Märtyrerplatz in der Stadt erreicht.“ Ein Anwohner sagte der Nachrichtenagentur AFP, die afghanische Armee habe offenbar den Rückzug angetreten. Zahlreiche Soldaten begaben sich demnach zu einer Militäreinrichtung außerhalb der Stadt. Ein lokaler Regierungsbeamter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, dass die Taliban die Kontrolle in der Stadt „nach schweren Zusammenstößen in der Nacht“ übernommen hätten. Berichten zufolge übernahmen die Taliban bereits am Mittwoch die Kontrolle über ein Gefängnis und befreiten die Inhaftierten.

          Der amerikanische Nachrichtensender CNN zitiert aus einer Stellungnahme, die die Taliban am Freitag veröffentlicht haben. Demnach seien das Büro des Gouverneurs, das Hauptquartier der Polizei sowie weitere Einrichtungen in der Stadt Kandahar „vom Feind befreit“ worden und nun unter der Kontrolle der Mudschaheddin. „Hunderte Waffen, Fahrzeuge und Munition wurden erbeutet.“

          Auch die Stadt Laschkargah in der Provinz Helmand im Süden Afghanistans ist eingenommen. Die Islamisten kontrollierten die wichtigsten Regierungseinrichtungen der Stadt mit geschätzt 200.000 Einwohnern. Das bestätigten zwei afghanische Provinzräte der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. Zudem sei Firus Koh in der Provinz Ghor im Westen des Landes von den Islamisten übernommen worden. Die Stadt mit geschätzt 130.000 Einwohnern sei ohne jeglichen Widerstand von den Islamisten übernommen worden, sagte der Provinzrat Fasel-ul Hak Ehsan. Die Sicherheitskräfte und mehrere Regierungsvertreter hätten sich in eine Militärbasis in der Stadt zurückgezogen. Damit fällt die fünfzehnte Stadt binnen einer Woche an die Islamisten. Von den wichtigen Städten hält die Regierung nur noch die Hauptstadt Kabul, Mazar-i-Scharif im Norden und Dschalalabad im Osten.

          Hauptstadt der Taliban

          Kandahar hat mehr als 650.000 Einwohner. Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz ist das wirtschaftliche Zentrum des Südens und war der Geburtsort der Taliban-Bewegung in den neunziger Jahren. Kandahar diente zudem als Hauptstadt der Islamisten während ihrer Herrschaft zwischen 1996 und 2001. Mehr als drei Wochen lang kam es innerhalb der Stadt zu schweren Zusammenstößen zwischen der Regierung und den Taliban, bevor die Sicherheitskräfte die Stadt evakuierten, sagte der Parlamentarier Gul Ahmad Kamin, der die Provinz im Parlament vertritt. Die Regierungstruppen hätten schließlich die wichtigsten Regierungsbehörden verlassen und im 205. Armeekorps der Provinz Zuflucht gesucht.

          Mit dem Zusammenbruch der Stadt Kandahar haben die Taliban nun innerhalb einer Woche 15 Hauptstädte der 34 Provinzen des Landes überrannt. Am Donnerstag alleine konnten sie drei Städte einnehmen, darunter die drittgrößte Stadt Herat und die strategisch wichtige Stadt Gasni, die nur 150 Kilometer von Kabul entfernt liegt. Vertreter der afghanischen Regierung haben die sich überschlagenden Ereignisse noch nicht kommentiert.

          Nicht alle fürchten die Rückkehr der Taliban: Lesen Sie hier ein Interview mit dem stellvertretenden Justizminister zur Zeit der Taliban-Herrschaft.

          Angesichts des Vormarsches werden die amerikanischen Streitkräfte sofort rund 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen von Kabul verlegen. Damit soll eine geordnete Reduzierung des amerikanischen Botschaftspersonals unterstützt werden, hieß es von einem Sprecher des US-Verteidigungsministeriums. Zudem verlegen die Vereinigten Staaten demnach bis zu 4000 weitere Soldaten nach Kuweit und 1000 nach Qatar, falls Verstärkung gebraucht wird. Der Abzug der amerikanischen Soldaten aus Afghanistan solle aber bis 31. August abgeschlossen werden, so der Sprecher am Donnerstag. Auch Großbritannien will rund 600 zusätzliche Soldaten schicken, um bei der Rückführung von Briten aus Afghanistan zu helfen.

          Angesichts des raschen Vormarsches der Taliban hat der Minderheitsführer der Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell, die amerikanische Regierung zu einer sofortigen Verstärkung der Unterstützung für die afghanischen Sicherheitskräfte aufgefordert. Falls Präsident Joe Biden seinen Kurs „nicht schnell ändert, sind die Taliban auf dem Weg dazu, sich einen bedeutenden militärischen Sieg zu sichern“, warnte McConnell. Biden müsse den afghanischen Kräften „sofort“ mehr Hilfe zusagen, darunter auch anhaltende Unterstützung aus der Luft nach dem Abzug der US-Truppen am 31. August, forderte er.

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