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Gefangen in Kabul : Nicht einmal in Burka traut sie sich raus

  • -Aktualisiert am

Taliban-Kämpfer halten am 17. August 2021 Wache an einem Checkpoint in Kabul. Bild: Reuters

Eine Tätowiererin, ein Breakdancer und eine Fotografin fielen in Kabul auch vor dem Einmarsch schon auf. Jetzt bangen sie um ihr Leben und ringen mit der Frage: Fliehen oder anpassen?

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          „Seit Sonntag verstecken wir uns“, erzählt Nargis in einer Whatsapp-Nachricht. Sie ist 27 Jahre alt und alleinerziehende Mutter, sie lebt in Kabul und hat in den vergangenen zwei Jahren als Tätowiererin gearbeitet. Zudem betrieb sie ein Kosmetik- und Massagestudio. Die Wände schmückte sie mit Postern von stark geschminkten Frauen in glitzernden Kleidern.

          Damit war Nargis, die in Wirklichkeit anders heißt, auch schon vor der Machtübernahme der Taliban eine schillernde, für manche vielleicht sogar verpönte Person. Doch das Geschäft lief gut – so gut sogar, dass sie, die vor Jahren einer missbräuchlichen Ehe entkommen war, ihrem neunjährigen Sohn einiges bieten konnte: Privatschule, Fremdsprachenunterricht, eine Schildkröte als Haustier.

          Jetzt haben beide Angst. „Das Studio habe ich abgeschlossen, selbst in die Nähe des Gebäudes und in den Stadtteil traue ich mich nicht, weil ich schon in der Vergangenheit Drohungen von den Taliban erhalten habe“, berichtet sie. Wir sind völlig untergetaucht, nicht einmal zum Einkaufen gehe ich nach draußen, und auch mit anderen Familienmitgliedern spreche ich kaum – nur mit denen, bei denen wir uns verstecken.“

          Letzter Ausweg: Flucht

          Die Angst vor dem Verlust ihres Geschäfts ist noch die geringste Sorge. Unter den Taliban, fürchtet die junge Mutter, könnte sie für die Ausübung ihres Berufes bestraft werden. Nachts macht sie kein Auge zu. Ununterbrochen schmiedet sie Fluchtpläne. Selbst in einer Burka, dem blauen, das ganze Gesicht verhüllenden Ganzkörpergewand, traut sie sich nicht aus dem Haus. Nur noch einmal will sie vor die Tür treten: auf dem Weg zum Flughafen.

          Das Land zu verlassen, ihr geliebtes Heimatland, in dem Nargis sich eine Zukunft aufgebaut hat, hält sie nun für ihre einzige Möglichkeit. „Zwar habe ich jegliche soziale Medien bereits deaktiviert aus Sorge, die Taliban könnten mich so finden, aber gleichzeitig ist das Internet meine einzige Chance, all dem hier zu entkommen.“ Ununterbrochen versucht sie Botschaften, Freunde und Diplomaten zu kontaktieren, in der Hoffnung, es vielleicht auf einen der geplanten Evakuierungsflüge zu schaffen und ein Visum zu ergattern. Das Ziel ist egal, nur weg möchte sie. Dableiben ist keine Option mehr, egal, wie versöhnlich sich die Taliban in ihren ersten Mitteilungen geben. Ihrem Beruf als Tätowiererin dennoch nachzugehen, „das würde meinen Tod bedeuten“.

          Baumwollhosen statt langer Haare

          In einem anderen Haus in Kabul hat sich Fawad verschanzt. Er ist 22 Jahre alt, Rapper und Breakdancer. Unter der Woche studiert er eigentlich an der Universität Kabul. Am Wochenende drehte er sich gern mit seinen „Homies“ einen Joint, hockte mit ihnen in seinem dunklen, verrauchten Studio und nahm neue Beats auf. Er hat keine Antwort auf die Frage, wann – und wie – er seine Freunde das nächste Mal sehen wird.

          Soziale Medien halten die Gruppe zusammen. Zwar wohnt keiner seiner engen Freunde weit entfernt, doch getroffen hat er sie seit dem Einmarsch der Taliban nicht. „Wir würden zu sehr auffallen“, erzählt der Student, dessen Name ebenfalls anders lautet. So vieles noch unklar ist in Kabul, so viel scheint doch sicher: Fawads lange Haare, die er in einem Knoten trägt, und seine Hip-Hop-Klamotten passen nicht mehr in das neue-alte Kabul. Also hat er traditionelle afghanische Kleidung herausgekramt: die lockeren Baumwollhosen und die lange Tunika, die er sonst nur zu Festtagen oder an Hochzeiten trug.

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