https://www.faz.net/-gpf-143w9

Afghanistan : Sicherheit gibt es nicht mehr

Angespannte Lage: Das Gästehaus der Vereinten Nationen wird von bewaffneten Sicherheitskräften bewacht Bild: AFP

In Kabul kann nichts und niemand Schutz garantieren. Amerika zeigt sich zerstritten - auch wegen der Enthüllung, die CIA unterstütze seit langem Karzais berüchtigten Bruder. Die Taliban demonstrieren vor der zweiten Wahlrunde dagegen Stärke.

          3 Min.

          Schon zum ersten Wahlgang wollten die Taliban ein Hotel in Kabul stürmen. Das vereitelte die Polizei. Jedenfalls stellte sie es am 20. August so dar - und ließ die Ausländer im Unklaren darüber, wer sich in Gefahr befunden hatte. Nun haben die Extremisten an einem Tag gleich zwei Häuser angegriffen: ein Gästehaus und ein teures Hotel, die beide bei Ausländern beliebt sind. Und das sollte, so teilten die Taliban am Mittwoch mit, nur der Beginn einer Serie von Anschlägen sein, die sich gegen die zweite Runde der Präsidentenwahl richten.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die Taliban wissen, wie wichtig Psychologie ist. Seit Wochen führen sie vor, dass auch höchste Sicherung keinen Schutz vor Anschlägen garantiert. Das Luxushotel Serena war erst im vergangenen Jahr angegriffen worden. Stundenlang hatten sich Terroristen und Sicherheitskräfte Feuergefechte in der Lobby des schon damals mit allen erdenklichen Maßnahmen gesicherten Hotels geliefert.

          Größere Tragödie verhindert

          Zum Wiederholungstatort wurde auch die indische Botschaft in Kabul. Nachdem sie im Sommer 2008 Ziel des bislang schwersten Anschlags (mit 85 Toten und mehr als 140 Verletzten) geworden war, schlugen die Taliban vor drei Wochen abermals zu. 17 Tote waren die Bilanz, die von der indischen Regierung zum Anlass genommen wurde, die erhöhten Sicherheitsstandards zu rühmen: Die neuen Vorkehrungen, hieß es in Delhi, hätten eine noch größere Tragödie verhindert.

          Wer sich in Kabul aufhält, muss wissen, dass er sich nicht unbedingt schützen kann. Das Gästehaus der Vereinten Nationen wird wie alle westlichen Einrichtungen von bewaffneten Sicherheitskräften bewacht. Offenbar verschafften sich die Angreifer am Mittwoch aber mit falschen Polizeiuniformen Zugang zur Nähe des Gebäudes. Selbst ohne solche Täuschungsmanöver, gibt ein Afghanistan-Fachmann zu bedenken, würden Terroristen, die sich mit automatischen Gewehren und Sprengstoffgürteln einem Eingang nähern, Wächter schnell in die Flucht schlagen können.

          Weiterer Rückschlag

          Präsident Karzais Versicherung, Ausländer von nun an noch besser zu schützen, wirkt hilflos, wenn nicht verzweifelt. Er weiß, dass dies nicht in seiner Macht steht. Nicht einmal das festungsähnliche Hauptquartier der Internationalen Schutztruppe Isaf ist vor Angriffen gefeit, wie die Taliban wenige Tage vor dem ersten Wahlgang unter Beweis stellten.

          Für die Führungsmacht Amerika, in deren Händen die Zukunft des Landes liegt, bedeuten die Ereignisse des Mittwochs einen weiteren Rückschlag. Mindestens eines der Opfer im UN-Gästehaus war amerikanischer Staatsbürger. Erst am Dienstag waren acht amerikanische Soldaten im Süden bei einer Anschlagsserie getötet worden. Wiederum einen Tag zuvor hatten die Vereinigten Staaten vierzehn Landsleute bei drei Hubschrauberabstürzen verloren. Für Amerika ist der Oktober schon jetzt der verlustreichste Monat seit dem Beginn des Einsatzes vor mehr als acht Jahren. 53 Soldaten sind in den vergangenen vier Wochen gefallen. Dazu kommen die gewaltsam ums Leben gekommenen Zivilisten.

          Wegen des andauernden Wahlprozesses in Afghanistan muss Amerikas oberster Soldat am Hindukusch, der Nato-Kommandeur McChrystal, einstweilen mit dem Status quo leben lernen. Über seine Forderung nach mindestens 40.000 weiteren Soldaten soll erst entschieden werden, wenn Präsident Obama weiß, mit wem er es in den kommenden fünf Jahren in Kabul zu tun haben wird.

          Hoffnungen, dass sich die beiden Gegner vor der Stichwahl auf eine Zusammenarbeit einigen könnten, scheinen sich zerschlagen zu haben. Karzai wie Abdullah hoben in den vergangenen Tagen hervor, dass einer Einheitsregierung keine Legitimität zukäme. Wegen der erwarteten Schwierigkeiten bei der Auszählung könnte es noch Wochen dauern, bis ein Wahlsieger ausgerufen ist.

          Karzai-Bruder von CIA unterstützt

          Inmitten dieser unerfreulichen Lage steht Washington eine neue Debatte ins Haus. Die „New York Times“ berichtete am Mittwoch, dass der berüchtigte Bruder des Präsidenten, Ahmed Wali Karzai, seit Jahren vom amerikanischen Geheimdienst CIA unterstützt wird. Ahmed Wali Karzai, den manche als Paten von Kandahar bezeichnen, ist nicht nur für sein ruchloses Vorgehen bekannt. Er steht auch im Verdacht, in den Heroinhandel verwickelt zu sein. Einkünfte aus Drogengeschäften sind nach Einschätzung der Vereinten Nationen eine maßgebliche Finanzierungsquelle der Taliban.

          Die Zeitung zitierte zahlreiche (meist anonyme) Quellen in Afghanistan, die eine „weitreichende Verbindung“ bestätigten. Unter anderem soll Ahmed Wali Karzai mit amerikanischem Geld seine paramilitärische „Kandahar Strike Force“ finanzieren, die schon beschuldigt wurde, Regierungsangehörige anzugreifen. Zudem fungiere er als „Vermieter“ einer amerikanischen Sondereinheit, die vor den Toren Kandahars stationiert ist. Das Gelände, das auch von Karzais „Kandahar Strike Force“ genutzt wird, sei der frühere Wohnsitz des Taliban-Chefs Mullah Omar gewesen, heißt es in der „New York Times“ weiter. Offenbar dient Ahmed Wali Karzai als Bindeglied zwischen Amerikanern und Taliban.

          Die Zusammenarbeit mit dem Bruder des Staatspräsidenten hat nach Darstellung der Zeitung zu einer „tiefen Spaltung“ innerhalb der Regierung Obama geführt. Während die Befürworter Karzais Verwicklungen in den Drogenhandel bestreiten und ihn als nützlichen Partner darstellen, fürchten die Gegner, dass die Kooperation mindestens zwei strategische Ziele Washingtons untergräbt: die finanzielle Austrocknung der Taliban und die Stärkung der Zentralregierung. Ohne eine starke Macht in Kabul, so die Theorie, könne Sicherheit im Land nicht hergestellt werden. Entsprechend länger würde es dauern, bis die Nato abziehen kann.

          Weitere Themen

          Gelöbnis am Geburtstag

          Gründungstag der Bundeswehr : Gelöbnis am Geburtstag

          Bisher war die Bundeswehr am Jahrestag ihrer Gründung stets auf Zurückhaltung bedacht. In diesem Jahr ist das anders. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer nennt sie ein „wesentliches Element unserer wehrhaften Demokratie“ und will künftig neue Akzente bei der Ausrüstung setzen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.