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Afghanistan : Rückzug als gefährliche Selbstbeschäftigung

Abzug aus Afghanistan: Es bleibt der Luftweg Bild: dapd

Der Abzug aus Afghanistan wird für die westlichen Truppen zu einer gewaltigen logistischen Herausforderung werden. Die Bedingungen sind dort schwieriger als im Irak.

          4 Min.

          Wie man es nicht machen sollte, haben die Briten vor hundertsiebzig Jahren vorgemacht. Im Jahr 1842 entschloss sich Lord Elphinstone, zermürbt von ständigen Nadelstichen aufständischer afghanischer Stämme, überstürzt sein Expeditionskorps aus Kabul abzuziehen. Mitten im Winter sollte es über den Khyber-Pass gehen, in einem aufgeblähten Tross samt Frauen, Kindern und barfüßigen Hilfskräften. Elphinstone vertraute auf Sicherheitszusagen. Doch die Nadelstiche wurden zu Schwerthieben. Ein Zurück gab es nicht mehr. Ein Voran am Ende auch nicht. Nur wenige Versprengte seines mehr als 15.000 Personen starken Zuges kamen durch bis zur nächsten britischen Festung im pakistanischen Jalalabad.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Heute tut in Afghanistan ein Vielfaches an Soldaten in der internationalen Schutztruppe Isaf Dienst: rund 130.000 Mann, davon 90.000 Amerikaner und 4800 Deutsche. Heute gibt es Flugzeuge, Hubschrauber, Lastwagen, Transportpanzer. Und doch gibt es eine Konstante: Der Rückzug, zumal aus einem insgesamt unbefriedeten Gebiet, ist eine militärisch heikle Sache, und er ist umso gefährlicher, je länger er sich hinzieht und je größer der Tross ist.

          Schon jetzt ist die schärfste Waffe der Aufständischen der unter der Straße vergrabene Sprengsatz. Der Abzug müsse nicht unbedingt eine Schwächephase sein, sagt dazu ein einsatzerfahrener General aus dem Verteidigungsministerium. Man müsse aber dafür sorgen, dass er nicht zu einer solchen werde.

          Zwei Jahre für Container

          Auf jeden Fall ist der Abzug eine logistische Herausforderung. Es geht um Größenordnungen wie diese: Die Isaf hat mehr als 70.000 Fahrzeuge und mehr als 120.000 Container in Afghanistan stehen. Allein bei der Bundeswehr ist der Tross im Laufe der vergangenen zehn Jahre auf 1200 geschützte Fahrzeuge angewachsen, davon vier Panzerhaubitzen und 28 Schützenpanzer.

          Vor dem Abzug: Verteidigungsminister de Maizière in Kabul

          Die Briten haben den Deutschen einmal ausgerechnet, dass es alleine zwei Jahre dauern würde, wenn man nur sämtliche Container des britischen Trosses auf der Straße über den Norden Afghanistans nach Usbekistan schaffen würde - in sicherheitstechnisch einigermaßen vertretbaren Konvoigrößen und Abständen. Die britischen Isaf-Kräfte sind vor allem im Süden des Landes eingesetzt. Alles, was sich südlich des Hindukusch befindet, der Afghanistan in zwei Teile trennt, muss durch den Salang-Tunnel transportiert werden, um in den Norden zu gelangen.

          Die Deutschen, die 2005 von den Briten den Stützpunkt Mazar-i-Scharif übernommen haben, stehen daher vergleichsweise günstig da. Diese Stadt liegt nahe der Grenze zu Usbekistan, eine ordentliche Straße und seit dem vergangenen Jahr sogar eine einspurige Eisenbahn gehen von dort nach Norden. Die von der staatlichen usbekischen Bahngesellschaft betriebene Strecke schließt sich in der Grenzstadt Heiraton an das usbekische Netz an. Allerdings wird man diese Route wohl nur für weniger sensible und teure Güter nehmen wollen - zu viele Grenzen und Umschlagpunkte liegen auf dem weiten Weg nach Westen.

          Positive Signale aus Islamabad

          Auch deshalb wird weiter Pakistan umworben, das im Süden und im Osten an Afghanistan grenzt. Seit dem blutigen Vorfall im vergangenen November, als amerikanische Isaf-Kräfte offenbar in der Annahme, es handle sich um ein Taliban-Nest, einen Grenzposten der pakistanischen Armee bombardiert haben, hat Pakistan die Nachschubrouten über seine Grenzen dichtgemacht. Zwar sagen amerikanische Offiziere, man erleide keine Einschränkungen, es gebe andere Wege. Auch die Deutschen hatten Engpässe nur bei Marketenderwaren zu beklagen. Doch für den Abzug wäre Pakistan wichtiger noch als Usbekistan, denn von Häfen wie Karachi aus könnte das Material auf dem Seeweg nach Hause verfrachtet werden.

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