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Afghanistan : Pläne in Washington für beschleunigten Abzug

Offiziell vertritt Obama den Abzugstermin 2014 Bild: AFP

Nach dem Amoklauf eines amerikanischen Soldaten in Afghanistan wird in den Vereinigten Staaten wieder über den Sinn des Militäreinsatzes debattiert. Während Präsident Obama offiziell an dem Abzugstermin Ende 2014 festhält, streut die Regierung gezielt Informationen über einen früheren Rückzug.

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          Nach dem Amoklauf eines amerikanischen Soldaten in Afghanistan ist in den Vereinigten Staaten die Debatte über Sinn und Ziel des Krieges in dem Land neu entbrannt. Verteidigungsminister Leon Panetta sagte bei einem Besuch in Kirgistan, dem 38 Jahre alten Feldwebel des Heeres, der in der Nacht zum Sonntag in der südafghanischen Provinz Kandahar offenbar im Zustand geistiger Verwirrung ein Blutbad mit 16 Todesopfern angerichtet hatte, drohe bei einem Verfahren vor einem Militärgericht die Todesstrafe. „Krieg ist die Hölle“, sagte Panetta an Bord seines Dienstflugzeugs. Solche „schrecklichen Ereignisse“ wie jene vom Sonntag habe es in jedem Krieg gegeben und werde es vermutlich auch künftig geben.

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          Obwohl Präsident Barack Obama offiziell an dem Plan festhält, erst Ende 2014 den Truppenabzug aus Afghanistan abzuschließen, werden aus der amerikanischen Regierung offensichtlich gezielt Informationen an die Presse gegeben, wonach man Pläne für einen beschleunigten Abzug diskutiert. Derzeit sind knapp 90.000 amerikanische Soldaten in Afghanistan stationiert, bis September sollen 22.000 Mann abgezogen werden. Bisher gebe es keinen Zeitplan über den Abzug der dann noch verbliebenen 68.000 Soldaten bis Ende 2014.

          Nun erwäge man die Reduzierung der Truppenstärke um weiter 20.000 Soldaten bis Ende 2013, berichteten amerikanische Medien unter Berufung auf Regierungsquellen. Gegen diese Pläne gebe es heftigen Widerstand von Kommandeuren in Afghanistan, hieß es. Das Thema eines beschleunigten Abzugs werde auch den Nato-Gipfel im Mai in Chicago beschäftigen. Jüngste Umfragen zeigen, dass immer weniger Amerikaner der Meinung sind, dass der Krieg in Afghanistan gewonnen werden kann, während 60 Prozent die Ansicht äußern, dass der Einsatz am Hindukusch die Opfer nicht wert gewesen sei.

          Eine afghanische Regierungsdelegation, die den Tatort des amerikanischen Amokläufers in der Nähe der Stadt Kandahar besuchte, wurde von bewaffneten Männern angegriffen. Ein afghanischer Soldat und drei Angreifer wurden während eines länger andauernden Schusswechsels getötet, teilten die örtlichen Behörden am Dienstag mit. Mehrere Menschen trugen Verletzungen davon.

          Afghanische Proteste nach dem Amoklauf eines amerikanischen Soldaten im Distrikt Pandschwai. Bilderstrecke
          Afghanische Proteste nach dem Amoklauf eines amerikanischen Soldaten im Distrikt Pandschwai. :

          Zu der Delegation, auf die offenbar während eines Gebets das Feuer eröffnet wurde, gehörten auch zwei Brüder des afghanischen Präsidenten Karzai. Zu einer weitgehend friedlichen Demonstration kam es am Dienstag in der ostafghanischen Stadt Jalalabad, wo Hunderte Menschen, unter ihnen zahlreiche Studenten, auf die Straße gingen und den Abzug der westlichen Truppen forderten. Am Sonntag hatte ein amerikanischer Feldwebel 16 afghanische Zivilisten gezielt erschossen. Die Taliban forderten am Dienstag, den Täter als Kriegsverbrecher anzuklagen. In einer Erklärung hieß es: „Im Gegenzug für die Ermordung unschuldiger Landsleute werden wir amerikanische Soldaten töten und enthaupten.“

          In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad unterzeichneten unterdessen der deutsche Verteidigungsminister de Maizière und sein pakistanischer Kollege Mukhtar ein Abkommen zur Stärkung der militärischen Zusammenarbeit beider Länder. Es sieht Konsultationen bis auf die Ebene der Generalstabschefs sowie Kooperation bei Rüstungszusammenarbeit vor. Zweck soll die Bekämpfung des Terrorismus sein. Die Streitkräfte Pakistans zählen mit rund 850.000 Mann zu den größten der Welt.

          Beide Minister betonten in ihrem Gespräch das Interesse an einer Stabilisierung Afghanistans. Allerdings blockiert Pakistan seit November die Nachschubrouten für die Nato-geführte Isaf-Truppe. Eine Entscheidung über die Aufhebung der Blockade wurde für die nächsten Wochen, „vielleicht noch im März“ in Aussicht gestellt. Doch der pakistanische Verteidigungsminister bekräftigte in diesem Zusammenhang die Verantwortung des Parlaments.

          Die Regierung in Pakistan gilt offiziell als Verbündeter im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus und als Partner bei der Stabilisierung Afghanistans. Allen Beteiligten ist jedoch bewusst, dass vor allem die pakistanische Armee und der Geheimdienst ISI auch westlichen Zielen zuwiderlaufende Interessen verfolgen.

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