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Afghanistan : Paare und Passanten

Zivilisten geraten in Afghanistan immer wieder zwischen die Fronten Bild: dpa

Getötete Kinder und Passanten in Afghanistan erregen immer wieder die Öffentlichkeit. Die Nato bemüht sich, die Zahl der zivilen Opfer möglichst gering zu halten. Gleichzeitig weist sie daraufhin, dass sich Ziviltote bei Kampfeinsätzen kaum vermeiden lassen.

          Dass in Afghanistan immer wieder Zivilisten bei Angriffen der ausländischen Truppen umkommen, findet in der westlichen Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Meldungen über getötete Hochzeitsgäste, Kinder oder Passanten werden mit Empörung aufgenommen und führen zu Ermahnungen der zuständigen Politiker, das Militär möge mehr tun, damit solche "Kollateralschäden" nicht mehr vorkommen.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Selbst der Bundesverteidigungsminister Jung äußerte sich kürzlich in diesem Sinne, obwohl bisher nicht bekannt wurde, dass es auch bei einem Bundeswehreinsatz in Afghanistan zivile Opfer gegeben hat.

          Vorwurf der Schießwütigkeit

          Hohe Offiziere der Nato sehen diese Debatte mit Unbehagen, vor allem wenn sie mit Forderungen nach einem Abzug der westlichen Streitkräfte einhergeht. Denn zivile Opfer gibt es nicht nur bei Einsätzen des amerikanischen Militärs, dem gerade von deutschen Politikern hinter vorgehaltener Hand gern eine Neigung zur Schießwütigkeit unterstellt wird.

          Vor allem amerikanischen Soldaten wird eine gewisse Schießwütigkeit nachgesagt

          Seitdem die Nato ihre Operationen auf die unruhigen Provinzen im Süden und Osten des Landes ausgedehnt hat, musste auch die von ihr geführte Schutztruppe Isaf erleben, dass bei Gefechten Unbeteiligte zu Tode kommen. Sollte es im vergleichsweise ruhigen Norden, in dem die Bundeswehr eingesetzt ist, eines Tages zu schwereren Kämpfen kommen, könnte es auch dort Opfer unter der Zivilbevölkerung geben.

          Taliban forcieren Meldungen

          Über den genauen Hergang einzelner Vorfälle wird in der Regel wenig bekannt, wenn die Nachrichtenagenturen an einem Tag melden, an diesem oder jenem Ort seien soundso viele Zivilisten bei einem Nato-Einsatz getötet worden. Offiziere, die mit den Operationen am Hindukusch vertraut sind, sagen jedoch, oft sei im Nachhinein gar nicht festzustellen, ob die am Einsatzort gefundenen Leichen wirklich Zivilisten seien. Uniformen trügen die Taliban nicht, und eine Kalaschnikow, die einen Mann als Kämpfer ausweist, lasse sich leicht wegnehmen.

          Die Taliban wissen, wie sensibel die westliche Öffentlichkeit auf Nachrichten über zivile Opfer reagiert, und haben deshalb ein Interesse daran, dass möglichst viele Meldungen dieser Art verbreitet werden. Dass die Anschläge der Islamisten sich beileibe nicht nur gegen die ausländischen Soldaten richten, sondern die Taliban auch bedenkenlos die eigene Bevölkerung umbringen, findet in den westlichen Medien hingegen weniger Beachtung.

          Frauen und Kinder als Schutzschilde

          Dass zivile Opfer zu beklagen sind, bestreitet in der Nato niemand. Zum Teil liegt das auch an der schwierigen und angespannten Situation in Afghanistan, wo es etliche Gebiete gibt, in denen die Allianz einen wirklichen Kampfauftrag zu erfüllen hat. Hier geschieht es etwa, dass junge Soldaten, die zum ersten Mal im Gefecht sind, auf einer Patrouille in einen Hinterhalt geraten und dann glauben, sich des Beschusses nur durch die Anforderung von Luftunterstützung erwehren zu können.

          Die Piloten der Jagdbomber dürften zwar alles tun, um Unbeteiligte zu schonen, können in der Unübersichtlichkeit einer Gefechtssituation aber auch das falsche Ziel treffen. Der Schaden ist dann oft beträchtlich, da moderne Kampfflugzeuge keine Zehn-Pfund-Bomben tragen, sondern lasergesteuerte 500-Pfund-Bomben und Raketen, die ihr Ziel präzise und mit hoher Zerstörungskraft treffen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Taliban Kinder und Frauen immer wieder als menschliche Schutzschilde missbrauchen, als wollten sie zivile Opfer provozieren.

          Tod von Zivilisten unvermeidlich

          Auf die leichte Schulter nimmt die Nato das Thema trotzdem nicht. Für die einzelnen Waffensysteme gibt es komplexe Rechnermodelle, die bei der Zielidentifizierung und Wirkungsanalyse zum Einsatz kommen, um unbeabsichtigte Treffer so weit wie möglich auszuschließen. Hier hat man jüngst ein paar zusätzliche Prüfverfahren eingeführt, um die Zivilbevölkerung noch besser schützen zu können.

          Mancher Offizier weist allerdings darauf hin, dass der Tod von Zivilisten, so bedauerlich das auch sei, bei Kampfeinsätzen nicht immer verhindert werden könnte. Schließlich sei es selbst in Ramstein zu einer Katastrophe bei einer Flugschau gekommen, obwohl diese zu Friedenszeiten und unter schärfsten Sicherheitsauflagen stattgefunden habe.

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