https://www.faz.net/-gpf-y3fw

Afghanistan : Mit großem Kaliber gegen die Taliban

Es bestätigte sich allerdings die Erfahrung, die auch amerikanische Marineinfanteristen im Süden Afghanistans machten: Die Taliban-Kämpfer sind durch Gewehrbeschuss kaum zu beeindrucken. Den Nerv, so ein Erfahrungsbericht, raube ihnen nur HE-Munition (High Explosive). Ein zusätzliches Problem stellt die kleinkalibrige Munition (5,56 Millimeter) der modernen G36-Gewehre dar, mit denen die deutschen Soldaten ausgestattet sind. In einem Erfahrungsbericht aus dem vergangenen Jahr wurde eine fehlende „Mannstoppwirkung“ bemängelt: Wird ein Angreifer nicht tödlich getroffen, kann er meist weiterkämpfen.

Eine Munition für dieses Gewehr, die sich nach einem Treffer zerlegt und große Wunden reißt, ist nach den Genfer Konventionen völkerrechtlich verboten. Die alten russischen Kalaschnikow-Gewehre, mit denen die afghanischen Aufständischen meist kämpfen, haben zudem eine größere Reichweite (wenn auch bei weit geringerer Präzision).

Inzwischen setzen die Infanterieeinheiten der Bundeswehr auf einen Mix aus G36 und dem alten G3-Gewehr (Kaliber 7,62 Millimeter), mit dem außerdem ein Schütze, der beim Feuerüberfall hinter den typischen Lehmmauern steht, besser niedergehalten werden kann. Die G3-Geschosse durchdringen zwar auch nicht die zäh-weichen Lehmwände, erzeugen aber immerhin mehr Staub und Splitter.

Daher wird gegen einzelne Taliban-Schützen inzwischen auch eine Waffe eingesetzt, die eigentlich für den Kampf gegen Panzer konzipiert worden ist: Mit der Lenkrakete Milan lassen sich bis zu zwei Kilometer entfernte Feinde ausschalten, auch wenn sie durch Mauern geschützt sind. Diese „Zweckentfremdung“ haben schon die britischen Truppen im Falklandkrieg 1982 gegen argentinische MG-Nester mit Erfolg erprobt, wie später auch in der Bundeswehr gelehrt wurde. Allerdings kostet jeder Schuss einige zehntausend Euro. Bis zu drei Kilometer weit können die TOW-Lenkflugkörper wirken – ebenfalls eine Panzerabwehrwaffe, die nun in den Afghanistaneinsatz gebracht wird.

Der „Wiesel“: Schwache Panzerung und geringes Gewicht

Während die Milan vom Marder aus verschossen werden kann, ist Waffenträger für die TOW der Wiesel. Vier TOW-Wiesel sind derzeit in Kundus. Die Panzerung dieser Kettenfahrzeuge vom Ausmaß eines VW Golf hält zwar kaum mehr als Gewehrfeuer ab, doch können sie leicht – im Schlepptau oder auch per Hubschrauber – auf einen Außenposten verfrachtet werden. Dort sollen sie – wie die Marder – Feuerkraft bieten, damit die kleinen Basen nicht so leicht überrannt werden können. Dass die Taliban sich dergleichen durchaus vornehmen, mussten die Amerikaner zuletzt in der ostafghanischen Provinz Kunar erleben.

Dass nicht nur der tatsächliche Einsatz schwerer Waffen zählt, sondern auch deren psychologische Wirkung, haben die Bundeswehrsoldaten erlebt, als sie im Juli 2009 erstmals die Erlaubnis erhalten hatten, den Marder im Gefecht einzusetzen. Da stand ein Kandaq (Bataillon) der afghanischen Armee gemeinsam mit einem deutschen Verbindungsteam (OMLT) bei der Ortschaft Zar-Kharid-i-Sufla in einem heftigen Feuergefecht.

In dem Erfahrungsbericht aus „Strategie und Technik“ heißt es: „Unmittelbar mit dem Erscheinen der Schützenpanzer gingen die afghanischen Soldaten wieder vor und gewannen eine Stellung noch vor den Mardern.“ Augenscheinlich sei sofort die Moral der bedrängten Soldaten gestiegen. Hinzu kam aber natürlich die Wirkung der Bordmaschinenkanone: Der zuvor lang andauernde Feuerkampf sei sofort entschieden worden, nachdem die 20-Millimeter-Waffe gegen die Schützen mit Gewehren und Panzerfäusten eingesetzt worden sei.

In einem anderen Gefecht bei Emam Sahib wurde für eine Offensivoperation nach diesen Schilderungen die größere Reichweite – bis zu zwei Kilometer – genutzt: Die Aufständischen flohen aus ihren Stellungen, die durch die Fußsoldaten dann kampflos besetzt werden konnten.

Weitere Themen

Conway sorgt für nächsten Eklat Video-Seite öffnen

Trump-Beraterin : Conway sorgt für nächsten Eklat

Die Seniorberaterin des Weißen Hauses, Kellyanne Conway, verteidigt den amerikanischen Präsidenten auf denkwürdige Weise. Während einer Pressekonferenz fragt sie einen der Reporter nach seiner ethnischen Herkunft, um Trumps Äußerungen zu verteidigen.

Topmeldungen

Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.