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Afghanistan : Mit den Mudschahedin gegen die Taliban

  • -Aktualisiert am

Ein ehemaliger Taliban-Kämpfer posiert mit seinem Maschinengewehr bei einer feierlichen Waffenübergabe an die afghanische Regierung in der westlich von Kabul gelegenen Stadt Herat. Bild: AP

Im Kampf gegen die Taliban gewinnen in Afghanistan Milizen an Bedeutung, die von ehemaligen Mudschahedin geführt werden. Offenbar gibt es Kooperationen zwischen ihnen und amerikanischen Spezialeinheiten.

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          KUNDUS, 4. November. Der Kommandeur mimt den Ahnungslosen. Nein, nein, sagt Miralam Khan, mit den Milizen habe er nichts zu tun. Über deren Wiederbewaffnung wisse er schon gar nichts. Schließlich sei er nur ein gewöhnlicher Mitarbeiter des Innenministeriums. Keine fünf Minuten später hat die Eitelkeit obsiegt. "Ich war derjenige, der die entscheidende Offensive geführt hat", prahlt der Milizenführer. "Das waren alles meine Soldaten." Als er dann über die Toten und Verletzten auf Seiten der Taliban spricht, huscht ein Lächeln über sein Gesicht.

          Miralam Khan ist der neue Held von Kundus. In den Teehäusern und Eisdielen der Stadt wird sein Name ehrfurchtsvoll ausgesprochen. Viele sind davon überzeugt, dass der frühere Mudschahedin-Kommandeur im Alleingang zahlreiche Dörfer der nordafghanischen Provinz von den radikalislamischen Taliban "befreit" hat. Dass er dabei das Gesetz in die eigenen Hände nahm, scheint bislang nur wenige zu stören.

          Verbindungen aus Zeiten des Bürgerkriegs

          "Die Leute waren wütend, weil die Taliban gemordet und gestohlen haben. Sie haben unsere Schulen geschlossen, Weizensteuer verlangt und unsere Geschäftsleute entführt. Deshalb sind die Menschen zu mir gekommen", sagt Miralam. Dann habe die Regierung ihn damit beauftragt, die Kämpfe zu koordinieren. Es heißt, er habe aus der Zeit des Bürgerkriegs noch mehrere hundert bewaffneter Anhänger - über viel mehr Sicherheitskräfte gebietet der Polizeichef der Provinz auch nicht. Trotzdem wirkt der kleine, ungekämmte Mann so unscheinbar, dass die Besucher ihn zunächst für einen Assistenten halten. Erst nach ein paar Minuten Plauderei auf dem Sofa, einem Meinungsaustausch über Pferde und Melonen, gibt er sich zu erkennen.

          Als er die Namen einiger Mullahs aufzählt, lokaler Taliban-Größen, die bei den Kämpfen getötet worden seien, ist der Dschihadistenführer ganz in seinem Element. Er lässt einen Laptop bringen und zeigt Filmaufnahmen der beschlagnahmten Waffen, Maschinengewehre und Panzerfäuste. Sie seien von der Regierung registriert worden, betont Miralam und zieht einen Zettel mit handgeschriebenen Seriennummern aus der Tasche. Alles sei ganz legal. "Das bin ich", sagt er lächelnd, als ein Mann mit Turban ins Bild kommt, der von Lokaljournalisten umringt ist. In einem anderen Video sind sieben Männer mit verbundenen Augen zu sehen, die an einer Wand aufgereiht sind, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Gefangene.

          Kooperation mit amerikanischen Eliteeinheiten

          "Wir haben sie an amerikanische Spezialeinheiten übergeben", sagt der Kommandeur. Offenbar hält Miralam enge Verbindungen zu den Elitesoldaten, deren Aktivitäten so geheim sind, dass die für den Norden zuständige Bundeswehr ihre Aufklärungsmaßnahmen in jenen Gebieten unterbricht, in denen sie operieren.

          Die Amerikaner hätten ihm "praktische Unterstützung" gegeben, sagt Miralam. Sie hätten ein Gebiet aus der Luft bombardiert, und anschließend seien er und seine Männer eingerückt. Nach der Offensive hätten sie ihn angerufen: "Sie fragten: ,Habt ihr welche?'", berichtet der Milizenführer und zieht ein Lederetui mit Visitenkarten amerikanischer Militärs heraus. Eine davon legt er auf den Tisch. Das sei der Kommandeur der Einheit. Doch kaum sind Name, Rang und Telefonnummer notiert, bekommt Miralam kalte Füße. "Die werden wütend auf mich sein", sagt er, lacht verlegen und verlangt, dass der Zettel aus dem Notizblock herausgerissen wird. "Nicht böse sein."

          Mudschahedin-Führer als Retter in der Not

          Als Ende 2001 die Taliban gestürzt wurden, schien auch das Ende der Mudschahedin-Milizen gekommen. Die einstigen Helden des antisowjetischen Widerstands hatten sich diskreditiert, als sie das Land in den neunziger Jahren in einen blutigen Bürgerkrieg stürzten. Dass Leute wie Miralam nun wieder populär sind, ist vor allem ein Zeichen dafür, wie schwach die Polizei in Kundus ist, die viel zu wenige Kräfte hat.

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