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Afghanistan : Mediziner am Maschinengewehr

Die Armbinde eines Sanitäters Bild: dpa

Der Krieg in Afghanistan hat nicht nur den Alltag der Soldaten verändert, sondern auch die Arbeit der Sanitäter. Sie sind längst nicht mehr nur am Rande der Kämpfe dabei, sondern müssen auch ihre eigenen Fahrzeuge bewaffnen. Denn die Taliban schießen gezielt auf medizinisches Personal.

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          Die Zeiten, sagt der Oberstabsarzt, hätten sich geändert in Kundus. Der Sanitäter bedient das Maschinengewehr, der Infanterist darf inzwischen Morphin spritzen und das Medizinpersonal bekommt eine gesonderte Kampfausbildung verordnet. „Anders geht es nicht“, sagt der Chef der Sanitätskompanie. Jens B. ist Chefarzt des Isaf-Feldlagers in Kundus. Der Kompaniechef ist 34 Jahre alt, trägt kurzgeschorene Haare und sieht damit noch jünger aus. Aber er hat mehr Kriegserfahrung als die meisten seiner ehemaligen Ausbilder und Vorgesetzten in Deutschland.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Als Arzt hatte er schon 2007 eine Spezialeinheit der KSK in Afghanistan begleitet. In Kundus sind die Mediziner auch jetzt stark belastet. „Wir sind öfter draußen als die Infanterie“, sagt er. Sein Rettungszentrum hat die Größe eines deutschen Kreiskrankenhauses. Es ist von meterhohen Schanzkörben aus mit Draht umwickeltem Schüttgutcontainern versehen worden. Davor wehen drei Flaggen. Am höchsten die deutsche, daneben in gleicher Höhe die von Afghanistan und die der Vereinigten Staaten.

          Angelegt ist das Rettungszentrum für ein Feldlager mit etwa 400 Soldaten. Gegenwärtig befinden sich allerdings etwa 1200 deutsche Soldaten in Kundus, hinzu kommen noch 200 Amerikaner, die bald um etwa 800 Kameraden verstärkt werden, sowie ausländische Isaf-Angehörige. Zwei Drittel aller Notfälle sind allerdings Afghanen. Meist handelt es sich bei den einheimischen Verletzten um Sicherheitskräfte, manchmal aber werden auch schwere zivile Fälle aus Kundus-Stadt überstellt, die das dortige zivile und von deutschen Nichtregierungsorganisationen unterstützte Krankenhaus nicht versorgen kann. So wurden auch einige verletzte Anschlagsopfer vom Freitag in das Rettungszentrum gebracht. Die Kapazitäten sind knapp, und die Ärzte müssen dabei auch verwundete Mediziner ihrer eigenen Einheit behandeln.

          Ein Medevac-Hubschrauber vor dem Abflug im Feldlager des PRT Kundus
          Ein Medevac-Hubschrauber vor dem Abflug im Feldlager des PRT Kundus :

          Gezielt auf Arztfahrzeuge geschossen

          Seit nahezu zwei Jahren nämlich schießen die Aufständischen in Afghanistan gezielt auf Arztfahrzeuge und medizinisches Personal. Keine Kompanie fährt mehr kilometerweit ohne begleitenden Arzt- oder Rettungstrupp aus dem Lager. Dass nach der Genfer Konvention medizinisch gekennzeichnetes Personal besonderen Schutz genießt, solange es sich nicht an feindlichen Handlungen beteiligt, schert die Aufständischen nicht. Das Preisgeld, das auf einen getöteten Arzt ausgesetzt ist, soll 15.000 Dollar betragen, heißt es im Rettungszentrum in Kundus. Einmal ist es möglicherweise schon ausgezahlt worden: Im April wurde Oberstabsarzt Thomas Broer getötet, als ein Panzerfaustgeschoss bei einem Einsatz der Quick Reaction Force seinen vergleichsweise schwach gepanzerten Arzt-Lkw „Yak“ durchschlug.

          Der „Yak“ wird auf gefährliche Missionen nun kaum noch mitgenommen. Das Fahrzeug sei für einen beweglichen Arzttrupp nicht geeignet, heißt es auch im jüngsten Zwischenbericht des Wehrbeauftragten Königshaus. Außerdem könne es nicht bewaffnet werden. Das aber ist mittlerweile gang und gäbe auch für Sanitätsfahrzeuge: Seit Juli vergangenen Jahres haben die Deutschen das Rote Kreuz auf ihren Sanitätsfahrzeugen abgeklebt, ebenso wie Amerika, Großbritannien, Belgien, Frankreich und Kanada.

          Das verschafft den Sanitätssoldaten dieser Staaten nicht nur mehr Schutz, sondern erlaubt ihnen nach der Genfer Konvention auch, ihre Fahrzeuge zu bewaffnen: Acht der 14 deutschen medizinisch umgerüsteten Fuchs-Transportpanzer haben mittlerweile Maschinengewehre aufmontiert. Bedient werden sie mit deren Einverständnis auch von Sanitätern. Die derzeit eingesetzte Sanitätskompanie hat im Heimatstandort Seedorf direkt mit der Kampftruppe trainiert. Dass Sanitäter nicht mehr von Kämpfern zu unterscheiden sind, kommt für viele einem Paradigmenwechsel gleich.

          „Es wird blutig werden“

          Oberstabsarzt Jens B. begrüßt diese Neuerung. „Wir sind auch normale Soldaten, wir unterliegen der gleichen Gefahr, niemand kann noch behaupten, Sanitäter hätten vorrangig zivile Aufgaben zu erledigen.“ B. sagt, es habe gerade in der Führungsebene große Widerstände gegen die veränderte Ausbildung gegeben. Sanitäter sollen mit Kündigung gedroht haben, als es hieß, man sei jetzt „abgetarnt“ und voll bewaffnet. An einem Maschinengewehr steht ein blonder, hünenhafter Rettungsassistent.

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