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Afghanistan-Konferenz in Doha : Ein Meilenstein in Richtung Frieden?

Ein Mitglied der Taliban am Samstag bei den Gesprächen mit der afghanischen Regierung in Doha Bild: AP

Zum ersten Mal seit Ende 2001 reden die afghanische Regierung und die Taliban offiziell direkt miteinander. Das Treffen in Doha könnte ein historischer Wendepunkt sein.

          3 Min.

          Es ist ein historischer Tag in der Geschichte Afghanistans, aber auch nur der erste Schritt auf einen langen und vermutlich steinigen Weg – so mahnten viele der ausländischen Politiker, die am Samstagvormittag in Videostatements nach Doha geschaltet wurden. In der Hauptstadt des Golfemirats Qatar fand der Auftakt der Gespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban statt, die nach Jahrzehnten einen Frieden in dem Land herbeiführen sollen. „Die bevorstehenden Verhandlungen werden zweifellos schwierig“, sagte beispielsweise Heiko Maas. Der deutsche Außenminister hob hervor, dass die Afghanen sich ein Ende der Gewalt und einen dauerhaften Waffenstillstand wünschten. „Sie wollen in Würde und Frieden leben“, sagte Maas. „Und sie wollen Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte respektiert sehen – nicht in Theorie, sondern in Realität.“ Davon, so fügte er hinzu, hänge auch die fortgesetzte internationale Unterstützung Afghanistans ab.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Maas war einer von zahlreichen Vertretern der internationalen Gemeinschaft, die sich zum Auftakt des Treffens in Doha an die Verhandlungspartner wandten. Die dortigen Gespräche könnten tatsächlich einen Einschnitt markieren – denn zum ersten Mal seit dem Beginn der jüngsten Phase des Krieges in Afghanistan Ende 2001 reden die Regierung in Kabul und die Taliban offiziell direkt miteinander. Die Aufständischen hatten dies zuvor jahrelang verweigert und die Regierung in Kabul stets nur als „Marionette“ der Amerikaner bezeichnet.

          Der Symbolwert des Zusammentreffens in Doha war daher nicht zu überschätzen: Auf der einen Seite saß die – in westlichen Anzügen gekleidete – Regierungsdelegation um Abdullah Abdullah, den Vorsitzenden des „Hohen Rats für nationale Versöhnung“. Auf der anderen saßen – in traditioneller Kleidung – die Emissäre der Taliban um deren Vizechef, Mullah Abdul Ghani Baradar. Als Gastgeber fungierte der qatarische Außenminister Muhammad Bin Abd al Rahman Bin Jassim Al Thani, gemeinsam mit dem amerikanischen Außenminister und dem Afghanistan-Sonderbeauftragten Washingtons, Zalmay Khalilzad.

          Abdullah Abdullah machte in seinem Auftaktstatement deutlich, was die dringendste Forderung der afghanischen Regierung wie auch der internationalen Gemeinschaft ist: Er rief die Taliban dazu auf, in eine „humanitäre Waffenruhe“ einzuwilligen. Das Abkommen, das die Islamisten und die Vereinigten Staaten am 29. Februar in Doha geschlossen haben, habe die Hoffnungen der Afghanen auf Frieden befeuert. Jedoch gebe es weiter Gewalt, sagte Abdullah. Seit dem Frühjahr sind mindestens 1200 Zivilisten in dem Konflikt getötet und etwa 15.000 verwundet worden. Die Gewalt müsse beendet werden, sagte Abdullah, der den Taliban zugleich für ihre Verhandlungsbereitschaft dankte. „Ich bin davon überzeugt, dass der heutige Tag als Ende des Krieges und des Leids unseres Volkes in die Geschichte eingehen wird.“

          Abdul Ghani Baradar, der als frühere rechte Hand des Taliban-Gründers Mullah Omar über großen Einfluss unter den Islamisten verfügt, ging in seiner Rede nicht auf Abdullahs Forderung ein – die Taliban haben sich den Rufen nach einer länger andauernden Waffenruhe bislang konsequent verweigert, denn der anhaltende militärische Druck auf den afghanischen Staat ist ihr größtes Faustpfand. Baradar hob hervor, dass die Taliban die Friedensverhandlungen „mit voller Aufrichtigkeit“ führen würden. „Wir wollen, dass Afghanistan in Zukunft in der Region und auch mit anderen Ländern der Welt ein positives und auf gegenseitigem Respekt basierendes Verhältnis hat“, sagte Baradar. Zugleich wiederholte er die beiden wichtigsten Forderungen seiner Gruppe: Er sagte, dass Afghanistan ein islamisches System haben sollte. Und er rief die Vereinigten Staaten dazu auf, ihre Verpflichtungen aus dem Abkommen von Ende Februar zu erfüllen – gemeint ist der Abzug der ausländischen Truppen bis Mai 2021.

          Diese Forderung könnte am leichtesten zu erfüllen sein, sofern Donald Trump Präsident bleibt. Denn Trump sagt seit Jahren, es müsse ein Ende der amerikanischen Beteiligung an „endlosen Kriegen“ geben. Und er hat auch Schritte dahin unternommen: Erst am Donnerstag kündigte der Präsident im Weißen Haus an, dass die Zahl der amerikanischen Soldaten in Afghanistan „in sehr kurzer Zeit“ auf 4000 reduziert werde. Zuletzt waren noch etwa 8600 Soldaten dort. Außenminister Pompeo hob kurz vor dem Beginn der Gespräche in Doha hervor, dass der Fortgang des amerikanischen Truppenabzugs davon abhänge, ob die Taliban ihre Zusagen einhielten. Dazu, ob Washington den endgültigen Truppenabzug vom Ergebnis der jetzt begonnenen Friedensverhandlungen abhängig machen werde, wollte Pompeo sich nicht äußern. Unter einem Präsidenten Joe Biden könnte das möglicherweise aber anders aussehen.

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