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Afghanistan : Kampf um die Macht an der Ringroad

  • -Aktualisiert am

Die amerikanischen Truppen wollen die kriminellen Banden in Afghanistan besiegen Bild: Reuters

Die Offensive des Westens ist nicht nur ein Kampf gegen die fundamentalistischen Taliban. Sie ist der Kampf um die Macht entlang der wichtigsten Verkehrsader des Landes. Denn wer in Afghanistan die Straßen beherrscht, der beherrscht das Land.

          Die Gesichter der spanischen Soldaten sind staubverschmiert. Tief aus ihren Höhlen blicken müde Augen, die Erschöpfung ist den Männern anzusehen. Ein letztes Hindernis noch, dann ist die Einfahrt des Feldlagers am Rande von Herat in Westafghanistan erreicht. Das Eisentor öffnet sich, der Radpanzer passiert die Wachposten, die Spanier grüßen lässig ihre slowenischen Kameraden. Nach dreiwöchiger Operation, nach Tagen des Kampfes gegen Bewaffnete, versteckte Bomben und Hinterhalte sowie nächtelanger Patrouillen wollen sie nur noch duschen und schlafen.

          Die Soldaten sind zurück von der Jagd auf die „Feinde Afghanistans“. Hunderte Kilometer nördlich von Herat, im Distrikt Murghab im äußersten Nordwesten des spanischen Zuständigkeitsbereiches, hatten sich entlang der Ringroad, der Hauptverkehrsstraße des Landes, kriminelle Banden festgesetzt. Sie blockierten die afghanische Lebensader und erpressten die Bürgermeister in den angrenzenden Orten und Autofahrer auf der Straße. Gemeinsam mit einheimischen Soldaten sowie italienischen und amerikanischen Truppen machten die Spanier in einer groß angelegten militärischen Operation damit Schluss. Als Schutztruppe für die Bevölkerung wurde anschließend eine Einheit der afghanischen Armee in dem Gebiet stationiert.

          Staat häufig machtlos

          Wer in Afghanistan die Straßen beherrscht, der beherrscht das Land. Das unwirtliche Terrain zwingt die Menschen in die wenigen landwirtschaftlich nutzbaren Gegenden entlang der Flüsse, die sich wiederum an der Ringroad befinden. Diese Verkehrsader umschließt das Land kreisförmig, und ihr gehört inzwischen das volle Augenmerk der internationalen Truppen am Hindukusch. Denn die Attacken der Aufständischen richten sich immer wieder gegen den freien Verkehr auf der Ringstraße, die streckenweise sogar von den „Feinden Afghanistans“ kontrolliert wird.

          Neben Taliban müssen in Afghanistan auch Rauschgiftschmuggler, Banditen und Mörder bekämpft werden

          „Ich nenne sie so, weil es sich keinesfalls nur um die Taliban handelt, die uns dort Schwierigkeiten machen“, sagt Esmatulla Alizai, der Polizeichef von Herat. Neben den militanten Islamisten treiben in Afghanistan seit Jahren Rauschgiftschmuggler, Banditen, Mörder und ausländische Terroristen ihr Unwesen. „Sie sind die Feinde Afghanistans“, sagt der Polizeigeneral, denn sie alle verfolgten ihre eigene regierungsfeindliche Agenda. Dabei gehe es nur zum Teil um politisch-religiöse Ziele, wie sie die Taliban haben, immer aber um Geld. Viel Geld sogar, Milliarden Dollar, die es vor allem mit den Drogentransporten auf der Ringroad zu verdienen gibt – ein Geschäft, das lebensbedrohlich ist für den jungen afghanischen Staat. Das rücksichtslose Treiben der Transportmafia, ihre Erpressungsversuche gegen widerspenstige Dörfer, ihre Entführungen von Politikern oder Stammesführern, ihre Morde an Polizisten, ihr gesamtes kriminelles Vorgehen destabilisiert ganze Provinzen. Doch bislang ist der Staat häufig machtlos. In manchen Gebieten entlang der Straße sind sowohl ausländische Truppen als auch Sicherheitskräfte der Regierung lange nicht mehr gesehen worden.

          „Amerikaner legitimieren, was sie bis vor kurzem noch bekämpft haben“

          Das soll sich jetzt ändern. Die Offensive des Westens ist nicht nur ein Kampf gegen die fundamentalistischen Taliban mit Schwerpunkt im Süden. Sie ist der Kampf um die Macht entlang der Ringstraße. „Ja, wir haben Probleme in einigen Gebieten“, sagt ein ranghoher deutscher Offizier im Hauptquartier der Schutztruppe Isaf in Kabul. „Doch wenn wir die Gunst der Bevölkerung erringen wollen, müssen wir ihr die Bewegungsfreiheit auf den Straßen des Landes garantieren.“ Deshalb gilt das Augenmerk der Soldaten den Dörfern an der Ringroad. Schutz der Dorfbevölkerung – in der Militärsprache heißt das: „Shape, Clear, Hold and Build“ –, die Truppen an ihre Ziele bringen, die besetzten Gebiete befreien, stabilisieren und schließlich aufbauen und entwickeln. „Shape“ und „Clear“, das war der Isaf-Truppe schon vor der amerikanischen Truppenverstärkung in diesem Jahr möglich. Doch mit dem „Hold“ und „Build“ tat sie sich schwer – weil die Isaf bisher zu wenige Soldaten im Lande hatte, die sich zudem nach den Operationen häufig wieder in ihre Feldlager zurückzogen, konnten die Aufständischen und andere Kriminelle schnell wieder Fuß fassen. Mit seiner Strategieänderung will Washington nun den Trend umkehren. Einmal „gesäuberte“ Orte bleiben zunächst von Isaf-Truppen und der afghanischen Armee besetzt, später sollen sie von der Polizei abgelöst werden.

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