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Afghanistan : Kabuls leichte Mädchen

Die Kabuler Schattenwelt hat zur Mittagspause Hochkonjunktur Bild: ASSOCIATED PRESS

Das Land am Hindukusch tut sich schwer mit den Schattenseiten der freien Gesellschaft. Das Sexgeschäft ist streng verboten, aber es floriert. Denn der wichtigste Grund, der die Frauen dazu treibt, ihren Körper zu verkaufen, ist wohl der Krieg.

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          Wie erkennt man eine Prostituierte in Kabul? „Sie stehen ein wenig abseits“, sagt der Taxifahrer, „und wenn ein Auto sie anblinkt, geben sie ein Handzeichen. Etwa so.“ Ahmad Schah streckt den Arm nach unten und spreizt zwei Finger ab, als wolle er ein Taxi anhalten. Die meisten Sexarbeiterinnen seien zwischen ein und drei Uhr nachmittags unterwegs. Zur Mittagspause. Der Mann ist ein Experte für die Kabuler Schattenwelt. Nicht nur, weil er regelmäßig Freier auf der Suche nach einer Frau durch die Straßen fährt. Sondern auch, weil er vor 25 Jahren dem Inlandsgeheimdienst der kommunistischen Regierung angehörte.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Es dauert keine fünf Minuten, bis Ahmad Schah die ersten beiden Mädchen am Straßenrand entdeckt hat. Sie tragen Jeans, schwarze Kopftücher, Glitzerhandtaschen und kleine Schmucksteine im Nasenflügel - wie viele andere junge Frauen in Kabul auch. Ein weißer Landcruiser schert aus und kommt am Straßenrand zum Stehen. Ahmad Schah parkt in sicherer Entfernung. Doch die Mädchen verschmähen die beiden Männer in dem Geländewagen, die daraufhin mit heulendem Motor davonrasen. Dann rollt ein weißer Corolla vorbei. Dreht. Fährt noch einmal vorbei. Die Mädchen steigen ein.

          „Viele Frauen sind unfähig, zwischen Recht und Freiheit zu unterscheiden“

          An sich ist daran nichts Ungewöhnliches. Warum sollte das älteste Gewerbe der Welt nicht auch in einer der rückständigsten Stammesgesellschaften florieren? Doch in Afghanistan ist Prostitution nicht nur ein Geschäft. Sie ist eine Metapher für den allgemeinen Sittenverfall, der - so glauben viele Konservative im Land - mit der Demokratie Einzug gehalten habe. Der Westen hat sie in ihren Augen sozusagen mitgebracht, als er dem Land nach dem Sturz der Taliban eine Modernisierungskur verordnete.

          Die Verwestlichung der afghanischen Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt im Make-up

          Die das glauben, sind Leute wie Nangialai Yussufzai, der Direktor einer Jugendorganisation namens „National Contract of Youth“. Ein besonnener junger Mann, der zum Gruß höflich mit dem Kopf nickt. Yussufzai ist ein angesehenes Mitglied der Zivilgesellschaft im ostafghanischen Dschalalabad. Und er sagt Sätze wie: „Viele Frauen sind unfähig, zwischen Recht und Freiheit zu unterscheiden. Sie glauben, ihr Gesicht unverhüllt zu zeigen, sei ihr Recht. Aber das stimmt nicht, das ist Freiheit, und dafür ist unsere Gesellschaft noch nicht reif.“

          Als Jugendaktivist hat Yussufzai nach eigenen Angaben Beobachterstatus im Gefängnis von Dschalalabad, wo in der Regel zahlreiche Prostituierte einsitzen. Das Sexgeschäft ist streng verboten. Während der Talibanzeit wurden die „Täterinnen“ öffentlich gehängt, gesteinigt oder ausgepeitscht, heute werden sie mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft. „Nur so können wir die Gesellschaft gesund halten“, sagt Yussufzai, durchaus eine Mehrheitsmeinung. Neulich sei er wieder einmal im Gefängnis gewesen und habe beobachtet, wie amerikanische Soldaten Frauen aus den Zellen entließen. „Sie fragten: ,Was ist dein Verbrechen? Sex? Komm raus!'“, sagt Yussufzai. Anschließend seien die Befreiten zur Polizei gegangen, um den Beamten eine Nase zu drehen. Ob es sich wirklich so zugetragen hat, darf bezweifelt werden, doch die Vorstellung, dass westliche Berater Einfluss auf die Justiz ausüben, ist weit verbreitet.

          Die Radikalen haben die Frauen zur Prostitution getrieben

          Wie viele Sexarbeiterinnen es in Afghanistan wirklich gibt, weiß niemand so genau. Ein verbreiteter Mythos besagt, dass es sie während des Talibanregimes nicht gab. Die Frauenorganisation „Rawa“ hat aber in den neunziger Jahren mehrfach darauf hingewiesen, dass die Radikalislamisten viele Witwen durch ihr Frauenarbeitsverbot geradezu in die Prostitution getrieben haben. „Es sind auf jeden Fall mehr geworden“, sagt Kabuls stellvertretender Polizeichef Muhammad Khalil Dastyar vage. Sicher ist nur, dass die Zahl der Festnahmen gestiegen ist. 2008 wurden in der Hauptstadt 97 Afghaninnen wegen dieses „Verbrechens“ verhaftet. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es schon 109. „Die Nachbarn helfen uns“, sagt Dastyar, der stolz darauf ist, auch die 39 Ausländer-Bordelle in Kabul geschlossen und mehrere hundert chinesischer Sexarbeiterinnen verhaftet zu haben.

          Nach Angaben der deutschen Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale sind bis zu 80 Prozent der Gefängnisinsassinnen in Afghanistan wegen moralischer Vergehen verurteilt: Prostitution, Ehebruch, vorehelicher Sex. Die meisten Frauen würden zu Unrecht verurteilt, sagt der Leiter der afghanischen Rechtshilfeorganisation „Laoa“, Afzal Nuristani. Nach geltendem islamischem Recht gebe es nur zwei Wege, Prostitution oder Ehebruch nachzuweisen: ein Geständnis oder vier Augenzeugen, die während der Tat anwesend waren. Das dürfte in den wenigsten Fällen zutreffen. „Leider steht unsere Justiz unter dem Einfluss der Tradition“, sagt Nuristani.

          Legalen Sex können Männer erst mit Mitte 30 haben

          Der wichtigste Grund, der Frauen dazu treibe, ihren Körper zu verkaufen, sei der Krieg, sagt Polizeichef Dastyar. Schätzungen zufolge gibt es rund 1,5 Millionen Witwen im Land, die ihre Kinder allein ernähren müssen. Legale Arbeitsmöglichkeiten für Frauen sind in dem ultrakonservativen Land noch immer begrenzt. Zudem, sagt Masiha Faiz von Medica Mondiale, würden viele junge Frauen vor häuslicher Gewalt und Zwangsverheiratung von zu Hause weglaufen. Ihnen bliebe als Überlebensstrategie häufig nur die Prostitution. Der Taxifahrer Ahmad Schah ist überzeugt, dass es außerdem viele Gelegenheits-Sexarbeiterinnen gibt, die von der neuen Konsumkultur getrieben seien: „Auf Familienfeiern sind sie einem scharfen Wettbewerb um Kleider und Make-up ausgesetzt.“ Die aufwendige Hochzeitskultur treibt auch die Nachfrage nach käuflichem Sex. Der soziale Wettbewerb hat die Kosten für Feier und Brautpreis auf 20.000 bis 100.000 Dollar hochgetrieben. Deshalb könnten viele Männer erst mit Mitte dreißig heiraten und erst dann erstmals legal Sex haben, sagt ein Mitarbeiter des Frauenministeriums.

          „Hallo?“, heißt es am anderen Ende der Leitung. Dann wird aufgelegt. „Falsche Nummer“, heißt es beim zweiten Anruf. „Ruf in einer Stunde noch mal an“, beim dritten Versuch. Und schließlich: „Sag Omar, er soll anrufen.“ Es ist gar nicht so einfach, sich mit einer Prostituierten in Kabul per Telefon zu verabreden. Ohne Empfehlung haben Neukunden keine Chance. „Das Programm kostet 80 Dollar“, sagt die Stimme geschäftig. Das Wort „Sex“ kommt ihr nicht über die Lippen.

          Die Tante kassiert, die Mutter putzt, die Mädchen schaffen an

          Am Abend sitzt die 20 Jahre alte Nuria im transparenten Seidentop im Flur einer plüschigen Vier-Zimmer-Wohnung. Ihr Vater sei von Taliban ermordet worden. Vor sechs Jahren sei sie mit Mutter, Tante und Schwester ohne einen Pfennig Geld aus einem pakistanischen Flüchtlingslager zurückgekehrt. Heute betreiben die vier Frauen gemeinsam ein Bordell. Die Tante koordiniert die Termine, die Mutter macht sauber, und die beiden Mädchen schaffen an. Arm sind sie inzwischen nicht mehr. In den Zimmern hängen die neuesten Plasmabildschirme. Hat sie keine Angst vor der Polizei? Nuria pustet spöttisch den Rauch ihrer Zigarette aus. „Die kommen oft hierher“, sagt sie. „Als Kunden.“

          Was aber hat Nuria mit Demokratie zu tun? Viele Konservative behaupten, das neue politische System habe die Prostitution erst nach Afghanistan gebracht. Dazu muss man wissen, dass sie den Begriff „Prostituierte“ recht freihändig verwenden. Im gleichen Atemzug mit allen möglichen Phänomenen, die nach der bleiernen Terrorherrschaft der Taliban auftauchten. Zum Beispiel Mädchen, die einen Freund haben. Oder Töchter, die ihren Vätern widersprechen, weil sie im Fernsehen gehört haben, dass sie ihre Rechte einklagen können.

          Wer erfolgreich ist, ist ein leichtes Mädchen

          Auch weibliche Büroangestellte werden häufig als Prostituierte diffamiert. Darin drückt sich das Misstrauen gegenüber einer modernen Arbeitswelt aus, in der die purdah, die räumliche Trennung von Mann und Frau, nicht eingehalten wird. Die meisten afghanischen Männer bekommen nicht einmal ihre Ehefrau vor der Hochzeit zu sehen. In manchen ländlichen Gegenden wird die purdah so ernst genommen, dass sogar Schafe mit dem Tod bestraft werden, wenn sie sich nicht an die Trennung halten.

          Doch in den städtischen Büros arbeiten nun selbstbewusste, junge Frauen, die im Umgang mit männlichen Kollegen keine Scheu zeigen. „Sie scherzen mit ihnen, schütteln ihre Hände und nennen sie beim Spitznamen. Für Außenstehende ist das ein Schock“, sagt Maiwand Mrowat, der für eine Telefongesellschaft in Kabul arbeitet. Ärzte in Kabul berichten, dass die Nachfrage nach Operationen zur Wiedereinsetzung des Jungfernhäutchens deutlich gestiegen sei.

          Yussufzai hat auch zu diesem Thema eine Meinung: „Die meisten Frauen in den Büros machen dieses Sexding.“ Das klingt nach einem billigen Rückzugsgefecht im afghanischen Geschlechterkampf, in dem es auch um Jobs geht. Doch möglicherweise steckt dahinter ein ernster Kern. Viele Frauen berichten über Missbrauchsversuche am Arbeitsplatz. Die 25 Jahre alte Buchhalterin Sohal sagt, bei zwei Bewerbungsgesprächen hätten ihr die Chefs deutlich gemacht, dass sie den Job nur bekomme, wenn sie auch für anderes zur Verfügung stehe. Hassina Syed, eine der bekanntesten Unternehmerinnen Afghanistans, erzählt, dass sie bei Terminen in Ministerien des Öfteren eine Hand von ihrem Knie schieben müsse. „Bis hoch in die obersten Etagen.“ Häufig bekäme sie lüsterne Anrufe. „Geh mit mir“, würden die Männer sagen. „Sie glauben, Unternehmerinnen sind leichte Mädchen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass eine Frau allein erfolgreich sein kann“, sagt Syed, die fünf Firmen mit mehr als hundert Angestellten leitet. Die Anrufer wimmelt sie so ab: „Ich sag dann immer: ,Geh zu deiner Mutter.'“ Offenbar hat die plötzliche Aufhebung der Geschlechtertrennung im Gefühlsleben der Nation einiges durcheinandergebracht.

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