https://www.faz.net/-gpf-14fq9

Afghanistan : Kabuls leichte Mädchen

Die Kabuler Schattenwelt hat zur Mittagspause Hochkonjunktur Bild: ASSOCIATED PRESS

Das Land am Hindukusch tut sich schwer mit den Schattenseiten der freien Gesellschaft. Das Sexgeschäft ist streng verboten, aber es floriert. Denn der wichtigste Grund, der die Frauen dazu treibt, ihren Körper zu verkaufen, ist wohl der Krieg.

          6 Min.

          Wie erkennt man eine Prostituierte in Kabul? „Sie stehen ein wenig abseits“, sagt der Taxifahrer, „und wenn ein Auto sie anblinkt, geben sie ein Handzeichen. Etwa so.“ Ahmad Schah streckt den Arm nach unten und spreizt zwei Finger ab, als wolle er ein Taxi anhalten. Die meisten Sexarbeiterinnen seien zwischen ein und drei Uhr nachmittags unterwegs. Zur Mittagspause. Der Mann ist ein Experte für die Kabuler Schattenwelt. Nicht nur, weil er regelmäßig Freier auf der Suche nach einer Frau durch die Straßen fährt. Sondern auch, weil er vor 25 Jahren dem Inlandsgeheimdienst der kommunistischen Regierung angehörte.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Es dauert keine fünf Minuten, bis Ahmad Schah die ersten beiden Mädchen am Straßenrand entdeckt hat. Sie tragen Jeans, schwarze Kopftücher, Glitzerhandtaschen und kleine Schmucksteine im Nasenflügel - wie viele andere junge Frauen in Kabul auch. Ein weißer Landcruiser schert aus und kommt am Straßenrand zum Stehen. Ahmad Schah parkt in sicherer Entfernung. Doch die Mädchen verschmähen die beiden Männer in dem Geländewagen, die daraufhin mit heulendem Motor davonrasen. Dann rollt ein weißer Corolla vorbei. Dreht. Fährt noch einmal vorbei. Die Mädchen steigen ein.

          „Viele Frauen sind unfähig, zwischen Recht und Freiheit zu unterscheiden“

          An sich ist daran nichts Ungewöhnliches. Warum sollte das älteste Gewerbe der Welt nicht auch in einer der rückständigsten Stammesgesellschaften florieren? Doch in Afghanistan ist Prostitution nicht nur ein Geschäft. Sie ist eine Metapher für den allgemeinen Sittenverfall, der - so glauben viele Konservative im Land - mit der Demokratie Einzug gehalten habe. Der Westen hat sie in ihren Augen sozusagen mitgebracht, als er dem Land nach dem Sturz der Taliban eine Modernisierungskur verordnete.

          Die Verwestlichung der afghanischen Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt im Make-up

          Die das glauben, sind Leute wie Nangialai Yussufzai, der Direktor einer Jugendorganisation namens „National Contract of Youth“. Ein besonnener junger Mann, der zum Gruß höflich mit dem Kopf nickt. Yussufzai ist ein angesehenes Mitglied der Zivilgesellschaft im ostafghanischen Dschalalabad. Und er sagt Sätze wie: „Viele Frauen sind unfähig, zwischen Recht und Freiheit zu unterscheiden. Sie glauben, ihr Gesicht unverhüllt zu zeigen, sei ihr Recht. Aber das stimmt nicht, das ist Freiheit, und dafür ist unsere Gesellschaft noch nicht reif.“

          Als Jugendaktivist hat Yussufzai nach eigenen Angaben Beobachterstatus im Gefängnis von Dschalalabad, wo in der Regel zahlreiche Prostituierte einsitzen. Das Sexgeschäft ist streng verboten. Während der Talibanzeit wurden die „Täterinnen“ öffentlich gehängt, gesteinigt oder ausgepeitscht, heute werden sie mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft. „Nur so können wir die Gesellschaft gesund halten“, sagt Yussufzai, durchaus eine Mehrheitsmeinung. Neulich sei er wieder einmal im Gefängnis gewesen und habe beobachtet, wie amerikanische Soldaten Frauen aus den Zellen entließen. „Sie fragten: ,Was ist dein Verbrechen? Sex? Komm raus!'“, sagt Yussufzai. Anschließend seien die Befreiten zur Polizei gegangen, um den Beamten eine Nase zu drehen. Ob es sich wirklich so zugetragen hat, darf bezweifelt werden, doch die Vorstellung, dass westliche Berater Einfluss auf die Justiz ausüben, ist weit verbreitet.

          Die Radikalen haben die Frauen zur Prostitution getrieben

          Weitere Themen

          Proteste gegen Präsident Morales Video-Seite öffnen

          Bolivien : Proteste gegen Präsident Morales

          Präsident Evo Morales hat nach Angaben von TSE seinen Vorsprung so weit ausgebaut, dass er nicht in die Stichwahl gegen seinen konservativen Rivalen Carlos Mesa müsste.

          Topmeldungen

          Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

          Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Sorgen beim FC Bayern : „Es muss alles besser werden“

          Drittes Spiel, dritter Sieg: Doch die Münchner zeigen in der Champions League in Piräus viele Mängel. Sportdirektor Salihamidzic übt deutliche Kritik. Dazu kommt Verletzungspech. Der nächste Spieler fehlt lange.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.