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Afghanistan : Kabuls leichte Mädchen

Am Abend sitzt die 20 Jahre alte Nuria im transparenten Seidentop im Flur einer plüschigen Vier-Zimmer-Wohnung. Ihr Vater sei von Taliban ermordet worden. Vor sechs Jahren sei sie mit Mutter, Tante und Schwester ohne einen Pfennig Geld aus einem pakistanischen Flüchtlingslager zurückgekehrt. Heute betreiben die vier Frauen gemeinsam ein Bordell. Die Tante koordiniert die Termine, die Mutter macht sauber, und die beiden Mädchen schaffen an. Arm sind sie inzwischen nicht mehr. In den Zimmern hängen die neuesten Plasmabildschirme. Hat sie keine Angst vor der Polizei? Nuria pustet spöttisch den Rauch ihrer Zigarette aus. „Die kommen oft hierher“, sagt sie. „Als Kunden.“

Was aber hat Nuria mit Demokratie zu tun? Viele Konservative behaupten, das neue politische System habe die Prostitution erst nach Afghanistan gebracht. Dazu muss man wissen, dass sie den Begriff „Prostituierte“ recht freihändig verwenden. Im gleichen Atemzug mit allen möglichen Phänomenen, die nach der bleiernen Terrorherrschaft der Taliban auftauchten. Zum Beispiel Mädchen, die einen Freund haben. Oder Töchter, die ihren Vätern widersprechen, weil sie im Fernsehen gehört haben, dass sie ihre Rechte einklagen können.

Wer erfolgreich ist, ist ein leichtes Mädchen

Auch weibliche Büroangestellte werden häufig als Prostituierte diffamiert. Darin drückt sich das Misstrauen gegenüber einer modernen Arbeitswelt aus, in der die purdah, die räumliche Trennung von Mann und Frau, nicht eingehalten wird. Die meisten afghanischen Männer bekommen nicht einmal ihre Ehefrau vor der Hochzeit zu sehen. In manchen ländlichen Gegenden wird die purdah so ernst genommen, dass sogar Schafe mit dem Tod bestraft werden, wenn sie sich nicht an die Trennung halten.

Doch in den städtischen Büros arbeiten nun selbstbewusste, junge Frauen, die im Umgang mit männlichen Kollegen keine Scheu zeigen. „Sie scherzen mit ihnen, schütteln ihre Hände und nennen sie beim Spitznamen. Für Außenstehende ist das ein Schock“, sagt Maiwand Mrowat, der für eine Telefongesellschaft in Kabul arbeitet. Ärzte in Kabul berichten, dass die Nachfrage nach Operationen zur Wiedereinsetzung des Jungfernhäutchens deutlich gestiegen sei.

Yussufzai hat auch zu diesem Thema eine Meinung: „Die meisten Frauen in den Büros machen dieses Sexding.“ Das klingt nach einem billigen Rückzugsgefecht im afghanischen Geschlechterkampf, in dem es auch um Jobs geht. Doch möglicherweise steckt dahinter ein ernster Kern. Viele Frauen berichten über Missbrauchsversuche am Arbeitsplatz. Die 25 Jahre alte Buchhalterin Sohal sagt, bei zwei Bewerbungsgesprächen hätten ihr die Chefs deutlich gemacht, dass sie den Job nur bekomme, wenn sie auch für anderes zur Verfügung stehe. Hassina Syed, eine der bekanntesten Unternehmerinnen Afghanistans, erzählt, dass sie bei Terminen in Ministerien des Öfteren eine Hand von ihrem Knie schieben müsse. „Bis hoch in die obersten Etagen.“ Häufig bekäme sie lüsterne Anrufe. „Geh mit mir“, würden die Männer sagen. „Sie glauben, Unternehmerinnen sind leichte Mädchen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass eine Frau allein erfolgreich sein kann“, sagt Syed, die fünf Firmen mit mehr als hundert Angestellten leitet. Die Anrufer wimmelt sie so ab: „Ich sag dann immer: ,Geh zu deiner Mutter.'“ Offenbar hat die plötzliche Aufhebung der Geschlechtertrennung im Gefühlsleben der Nation einiges durcheinandergebracht.

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