https://www.faz.net/-gpf-14fq9

Afghanistan : Kabuls leichte Mädchen

Wie viele Sexarbeiterinnen es in Afghanistan wirklich gibt, weiß niemand so genau. Ein verbreiteter Mythos besagt, dass es sie während des Talibanregimes nicht gab. Die Frauenorganisation „Rawa“ hat aber in den neunziger Jahren mehrfach darauf hingewiesen, dass die Radikalislamisten viele Witwen durch ihr Frauenarbeitsverbot geradezu in die Prostitution getrieben haben. „Es sind auf jeden Fall mehr geworden“, sagt Kabuls stellvertretender Polizeichef Muhammad Khalil Dastyar vage. Sicher ist nur, dass die Zahl der Festnahmen gestiegen ist. 2008 wurden in der Hauptstadt 97 Afghaninnen wegen dieses „Verbrechens“ verhaftet. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es schon 109. „Die Nachbarn helfen uns“, sagt Dastyar, der stolz darauf ist, auch die 39 Ausländer-Bordelle in Kabul geschlossen und mehrere hundert chinesischer Sexarbeiterinnen verhaftet zu haben.

Nach Angaben der deutschen Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale sind bis zu 80 Prozent der Gefängnisinsassinnen in Afghanistan wegen moralischer Vergehen verurteilt: Prostitution, Ehebruch, vorehelicher Sex. Die meisten Frauen würden zu Unrecht verurteilt, sagt der Leiter der afghanischen Rechtshilfeorganisation „Laoa“, Afzal Nuristani. Nach geltendem islamischem Recht gebe es nur zwei Wege, Prostitution oder Ehebruch nachzuweisen: ein Geständnis oder vier Augenzeugen, die während der Tat anwesend waren. Das dürfte in den wenigsten Fällen zutreffen. „Leider steht unsere Justiz unter dem Einfluss der Tradition“, sagt Nuristani.

Legalen Sex können Männer erst mit Mitte 30 haben

Der wichtigste Grund, der Frauen dazu treibe, ihren Körper zu verkaufen, sei der Krieg, sagt Polizeichef Dastyar. Schätzungen zufolge gibt es rund 1,5 Millionen Witwen im Land, die ihre Kinder allein ernähren müssen. Legale Arbeitsmöglichkeiten für Frauen sind in dem ultrakonservativen Land noch immer begrenzt. Zudem, sagt Masiha Faiz von Medica Mondiale, würden viele junge Frauen vor häuslicher Gewalt und Zwangsverheiratung von zu Hause weglaufen. Ihnen bliebe als Überlebensstrategie häufig nur die Prostitution. Der Taxifahrer Ahmad Schah ist überzeugt, dass es außerdem viele Gelegenheits-Sexarbeiterinnen gibt, die von der neuen Konsumkultur getrieben seien: „Auf Familienfeiern sind sie einem scharfen Wettbewerb um Kleider und Make-up ausgesetzt.“ Die aufwendige Hochzeitskultur treibt auch die Nachfrage nach käuflichem Sex. Der soziale Wettbewerb hat die Kosten für Feier und Brautpreis auf 20.000 bis 100.000 Dollar hochgetrieben. Deshalb könnten viele Männer erst mit Mitte dreißig heiraten und erst dann erstmals legal Sex haben, sagt ein Mitarbeiter des Frauenministeriums.

„Hallo?“, heißt es am anderen Ende der Leitung. Dann wird aufgelegt. „Falsche Nummer“, heißt es beim zweiten Anruf. „Ruf in einer Stunde noch mal an“, beim dritten Versuch. Und schließlich: „Sag Omar, er soll anrufen.“ Es ist gar nicht so einfach, sich mit einer Prostituierten in Kabul per Telefon zu verabreden. Ohne Empfehlung haben Neukunden keine Chance. „Das Programm kostet 80 Dollar“, sagt die Stimme geschäftig. Das Wort „Sex“ kommt ihr nicht über die Lippen.

Die Tante kassiert, die Mutter putzt, die Mädchen schaffen an

Weitere Themen

Das ändert sich für Steuerzahler Video-Seite öffnen

Abschaffung des Solis : Das ändert sich für Steuerzahler

Der Bundestag hat die weitgehende Abschaffung des Solidaritätszuschlages beschlossen. Seit 1991 tragen die Steuerzahler mit dem Soli maßgeblich zur Finanzierung der deutschen Einheit bei - nach drei Jahrzehnten ist Schluss mit der Sonderabgabe. Sie fällt ab 2021 für 90 Prozent der Steuerzahler weg.

Sprengstoff im Fisch

Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.

Topmeldungen

Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.

Kein grünes Licht für Ungar : Von der Leyen kann noch nicht aufatmen

Der Start von Ursula von der Leyens neuer EU-Kommission bleibt in der Schwebe: Der Kommissarkandidat aus Ungarn muss in die Nachbefragung. Und wegen Großbritanniens Weigerung, vor den Neuwahlen einen Bewerber zu nominieren, leitet Brüssel derweil ein Strafverfahren ein.
Ort einer Tragödie: S-Bahnhof Frankenstadion in Nürnberg (Archivbild)

Am S-Bahnsteig : Stoß mit tödlichem Ende

Zwei Jugendliche sind in Nürnberg angeklagt, zwei Schüler ins Gleisbett geschubst zu haben. Die beiden Jungen hatten keine Chance: Den Angriff konnten sie nicht sehen – die Täter standen hinter ihnen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.