https://www.faz.net/-gpf-nkw0

Afghanistan : Jeden Freitag ein Pferderennen

  • -Aktualisiert am

Bald auch in Herat? Deutsche Soldaten in Afghanistan. Bild: dpa/dpaweb

Während im Süden und Südosten Afghanistans die Geister der Vergangenheit ihr Unwesen treiben, ist die Provinz Herat im äußersten Westen des Landes eine Enklave der Ruhe und Stabilität. Die Bundeswehr prüft, ob sie sich dort ebenfalls engagieren kann.

          5 Min.

          Während im Süden und Südosten Afghanistans, ja selbst in Kabul, der afghanischen Hauptstadt, die Geister der Vergangenheit ihr Unwesen treiben, ist die Provinz Herat im äußersten Westen des Landes eine Enklave der Ruhe und Stabilität. Die bewaffneten Banden, die noch in vielen Orten am Werk sind, wurden längst von den Ordnungskräften von Ismael Khan, dem Herrn von Herat, davongejagt. Selbst nach Einbruch der Dunkelheit kann sich der Besucher auf den Straßen Herats bewegen ohne Angst haben zu müssen, überfallen zu werden. Das ist für andere afghanische Städte nicht selbstverständlich. Für Sicherheit sorgen im Auftrag des Khans etwa 15 000 Mann in grüner Militärkluft. Auch wirtschaftlich blüht Herat auf wie keine andere Stadt. Die 220 000 Einwohner zählende Provinzhauptstadt ist Umschlagplatz für die Waren aus Iran, aus den muslimischen Republiken der einstigen Sowjetunion und aus den arabischen Emiraten, von wo Autos und elektronische Geräte importiert werden. Auf einem riesigen Gelände in der Mitte von Herat stehen Hunderte von Wagen, vorwiegend japanischer Produktion, und warten darauf, vom Zoll freigegeben zu werden. Millionen Dollar an Zollgebühren kassiert der Khan jeden Monat. Davon hat er bis jetzt nur einen Bruchteil an die Zentralregierung abgeführt.

          Selbstbereicherung sagt man dem Khan allerdings nicht nach. Die Macht liebt er mehr als das Geld. Was die Heratis mittlerweile stört ist die Verschwendungssucht ihres Herrschers. Der Kahn hat eine Schwäche für Parkanlagen und prächtige Bauten. Dafür gibt er eine Menge Geld aus. Er ist außerdem ein Pferdeliebhaber und besitzt selbst ein paar edle Araber. Jeden Freitag wird in Herat ein Pferderennen veranstaltet. Der 63 Jahre alte Haudegen galoppiert selber mit. Auch manche Einschränkungen in religiöser Hinsicht und sein strenges Regiment erinnern die Bevölkerung an die Zeit der Taliban. Zugute hält man ihm allerdings, daß er viel Geld für Schulen ausgibt. Es gibt in Herat inzwischen genauso viele Schulen für Mädchen wie für Jungen. Die Lehrer bekommen ihre Gehälter regelmäßig.

          Ismael Khan sei weder ein Islamist noch ein besonders gläubiger Muslim. Er sei ein Machtmensch, der die Religion als Büttel der Herrschaft benutzt, meinen seine Kritiker hinter vorgehaltener Hand. Jeden Freitag besteigt der Veteran des Heiligen Krieges gegen die Sowjetunion die Kanzel der Hauptmoschee von Herat, eines Kleinods der islamischen Baukunst aus dem 14. Jahrhundert. Je nach Stimmung des Volkes und nach außenpolitischen Erwägungen gibt sich der Khan liberal, patriotisch oder fromm. Ein begnadeter Redner ist der einstige Offizier allerdings nicht. Auch seine religiöse Bildung läßt offenbar zu wünschen übrig. Selten zitiert er den Koran oder den Propheten, wie es beim Freitagsgebet eigentlich der Brauch ist.

          Wie ein orientalischer Souverän beherrscht Amir Sahib, der "Herr Emir", wie die Bevölkerung Ismael Khan nennt, sein Reich. Kritik duldet er nicht. Während es in Kabul zum guten Ton gehört, über die Mächtigen zu schimpfen, wagt es in Herat niemand, den Herrn Emir offen zu tadeln. Der Tadschike ist eitel und rachsüchtig. Als ein BBC-Korrespondent vor einiger Zeit berichtete, daß der Staatschef Hamid Karzai bei seinem Besuch in Herat von der Bevölkerung weit mehr gefeiert worden sei als sein Gastgeber, landete er unverzüglich im Gefängnis. Allerdings kam er nach ein paar Tagen wieder frei. Ein blutrünstiger Provinzherr wie etwa Abdulraschid Dostum, der Herr von Mazar-i-Sharif, ist der Khan nicht. In Kabul allerdings wird die Selbstherrlichkeit des Provinzherrn des öfteren aufs Korn genommen. Die Wochenzeitung "Kabul-e Haftegi", die der Regierung Karzai nahesteht, zählte vor einiger Zeit 35 Titel auf, mit denen dem Emir von seinen Hofleuten geschmeichelt wird: "Feldherr des Aufbaus", "siegreicher Führer", "weiser Lenker", "Emir der Kanzel und des Schlachtfeldes" und weitere hochklingende Ehrerweisungen.

          Der offizielle Titel des Ismael Khan, mit dem sein Konterfei in den Amtsstuben beschriftet ist, lautet indes "Al Hadsch Ismael Khan, der Emir des Südwestens von Afghanistan". Der Sahib Amir dünkt sich also als eigentlicher Herrscher der fünf Provinzen in den westlichen Regionen des Landes. Der vermessene Anspruch stammt aus den Zeiten des Heiligen Kriegs gegen die sowjetischen Besatzer. Ismael Khan war damals Befehlshaber der Mudschahedin-Partei Dschamiat-e Islami, deren Chef noch immer der ehemalige Staatspräsident Burhanuddin Rabbani ist. Außer in Herat und Badghis im Norden, wo hauptsächlich Tadschiken leben, ist Ismael Khan in seinen vermeintlichen Domänen fast eine Persona non grata. Denn in den drei südlich liegenden Provinzen besteht die Bevölkerung mehrheitlich aus Paschtunen. Selbst in der eigenen Provinz Herat hat Ismael Khan einige Probleme. Im Süden der Provinz leben Paschtunen, denen die tadschikische Macht in Herat ein Dorn im Auge ist. So überfallen paschtunische Banden von Zeit zu Zeit die Stadt Schindand, die früher Sabzewar hieß, und plündern die 30 000 Seelen zählende Ortschaft.

          Das Stammland der paschtunischen Rebellen ist Zirkuh, das von einem paschtunischen Hasardeur namens Amanullah beherrscht wird. Amanullah vom Stamme Nurzoi war früher ein Mitstreiter der Taliban. Aus Zirkuh mit seinen 50 000 Einwohnern will der Stammesführer einen paschtunischen Kleinstaat machen. Die Gunst der Bauern hat er. Amanullah hat in seinem Gebiet den Anbau von Opium freigegeben, während Ismael Khan alle Mohnfelder zerstören läßt. So gesehen geht es also im Süden von Herat nicht nur um ethnische Konflikte oder um den Ehrgeiz eines Warlords, sondern auch um den "Opiumkrieg". Von Zirkuh bis zur Grenze der Islamischen Republik Iran sind es nur 100 Kilometer. Jenseits der Grenze steigt der Preis für das dunkelbraune Rohopium auf das Zehnfache. Für dieses Jahr erwartet man eine Rekordernte. Doch seit einigen Wochen gibt es einen unausgesprochenen Waffenstillstand zwischen Amanullah und Ismael Khan. Der Emir von Herat möchte lieber als "weiser Lenker" in die afghanische Geschichte eingehen denn als ein Warlord.

          Zur Macht in Herat hat der Khan einen langen, steinigen Weg zurückgelegt. Ismael Khan, geboren im Süden von Herat, begann seine Karriere als Offizier in den siebziger Jahren. Als die Bevölkerung von Herat sich im März 1977 gegen die kommunistischen Herrscher erhob, überfiel der Khan mit ein paar Gesinnungsgenossen das Zeughaus der Kaserne und schloß sich den Aufständischen an. Damals betrachtete er sich als ein afghanischer Patriot. Als der Aufstand niedergeschlagen wurde, floh er in die Provinz Badghis und wurde ein "heiliger Krieger". Bald zählte er dank seines militärischen Geschicks und seines persönlichen Muts zu den namhaften Mudschahedinführern Afghanistans. Als im Jahr 1992 der Islam über den Kommunismus siegte, wurde der beherzte Krieger zum Gouverneur von Herat. Aber nur drei Jahre hielt seine Herrschaft. 1995 nahmen die Taliban fast kampflos die Stadt ein. In Nacht und Nebel floh der Khan nach Badghis. Doch dort wurde er von einem verräterischen usbekischen Warlord verhaftet und an die Taliban ausgeliefert. Die Koranschüler steckten ihn in Kandahar ins Gefängnis. Ein junger Talibankämpfer, der Ismael Khan bewachte, so die offizielle Version, war von der Frömmigkeit und der Güte seines Gefangenen so angetan, daß er ihm zur Flucht verhalf. Mit einem japanischen Landcruiser brachte er den abgemagerten Khan zur iranischen Grenze. Kurz davor allerdings riß eine Mine dem Gefängniswärter das Bein ab. Ismael Khan wurde nur leicht verletzt.

          Drei Jahre später schickten die Iraner ihren Gast nach Afghanistan zurück. Er sollte die Nordallianz unterstützen. Nach dem 11. September 2001 betrat Al Hadsch Ismael Khan im Triumph das befreite Herat. Nach seiner Ankunft hoffte die technische Intelligentsia, die sich zu einem Verband zusammengeschlossen hatte, den Emir für ein modernes Afghanistan gewinnen zu können. Doch die Dschihadis, die früheren Mitstreiter Ismael Khans, verankert in bäuerlichen Traditionen, siegten am Ende. Sie sitzen heute überall in den Schlüsselpositionen. Auf ihren Wunsch hin hat Ismael Khan die Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit befohlen und den Frauen das Autofahren verboten.

          Weitere Themen

          Keir Starmer neuer Labour-Chef Video-Seite öffnen

          Großbritannien : Keir Starmer neuer Labour-Chef

          Keir Starmer ist zum neuen Chef der britischen Labour-Partei gewählt worden. Der bisherige Brexit-Sprecher der Partei tritt die Nachfolge des glücklosen Jeremy Corbyn an. Seine Wahl ist ein Signal für eine Neuausrichtung von Labour.

          Moderne Piraterie?

          Tausende Masken verschwunden : Moderne Piraterie?

          Hat Amerika wegen der Corona-Krise der deutschen Hauptstadt 200.000 Atemschutzmasken weggeschnappt? Das sagt der Berliner Senat. Das Weiße Haus stellt die Sache anders dar.

          Topmeldungen

          Atemschutzmasken aus China: Das Flugzeug der New England Patriots hat in der Krise eine neue Aufgabe.

          Tausende Masken verschwunden : Moderne Piraterie?

          Hat Amerika wegen der Corona-Krise der deutschen Hauptstadt 200.000 Atemschutzmasken weggeschnappt? Das sagt der Berliner Senat. Das Weiße Haus stellt die Sache anders dar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.