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Afghanistan : Jeden Freitag ein Pferderennen

  • -Aktualisiert am

Bald auch in Herat? Deutsche Soldaten in Afghanistan. Bild: dpa/dpaweb

Während im Süden und Südosten Afghanistans die Geister der Vergangenheit ihr Unwesen treiben, ist die Provinz Herat im äußersten Westen des Landes eine Enklave der Ruhe und Stabilität. Die Bundeswehr prüft, ob sie sich dort ebenfalls engagieren kann.

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          Während im Süden und Südosten Afghanistans, ja selbst in Kabul, der afghanischen Hauptstadt, die Geister der Vergangenheit ihr Unwesen treiben, ist die Provinz Herat im äußersten Westen des Landes eine Enklave der Ruhe und Stabilität. Die bewaffneten Banden, die noch in vielen Orten am Werk sind, wurden längst von den Ordnungskräften von Ismael Khan, dem Herrn von Herat, davongejagt. Selbst nach Einbruch der Dunkelheit kann sich der Besucher auf den Straßen Herats bewegen ohne Angst haben zu müssen, überfallen zu werden. Das ist für andere afghanische Städte nicht selbstverständlich. Für Sicherheit sorgen im Auftrag des Khans etwa 15 000 Mann in grüner Militärkluft. Auch wirtschaftlich blüht Herat auf wie keine andere Stadt. Die 220 000 Einwohner zählende Provinzhauptstadt ist Umschlagplatz für die Waren aus Iran, aus den muslimischen Republiken der einstigen Sowjetunion und aus den arabischen Emiraten, von wo Autos und elektronische Geräte importiert werden. Auf einem riesigen Gelände in der Mitte von Herat stehen Hunderte von Wagen, vorwiegend japanischer Produktion, und warten darauf, vom Zoll freigegeben zu werden. Millionen Dollar an Zollgebühren kassiert der Khan jeden Monat. Davon hat er bis jetzt nur einen Bruchteil an die Zentralregierung abgeführt.

          Selbstbereicherung sagt man dem Khan allerdings nicht nach. Die Macht liebt er mehr als das Geld. Was die Heratis mittlerweile stört ist die Verschwendungssucht ihres Herrschers. Der Kahn hat eine Schwäche für Parkanlagen und prächtige Bauten. Dafür gibt er eine Menge Geld aus. Er ist außerdem ein Pferdeliebhaber und besitzt selbst ein paar edle Araber. Jeden Freitag wird in Herat ein Pferderennen veranstaltet. Der 63 Jahre alte Haudegen galoppiert selber mit. Auch manche Einschränkungen in religiöser Hinsicht und sein strenges Regiment erinnern die Bevölkerung an die Zeit der Taliban. Zugute hält man ihm allerdings, daß er viel Geld für Schulen ausgibt. Es gibt in Herat inzwischen genauso viele Schulen für Mädchen wie für Jungen. Die Lehrer bekommen ihre Gehälter regelmäßig.

          Ismael Khan sei weder ein Islamist noch ein besonders gläubiger Muslim. Er sei ein Machtmensch, der die Religion als Büttel der Herrschaft benutzt, meinen seine Kritiker hinter vorgehaltener Hand. Jeden Freitag besteigt der Veteran des Heiligen Krieges gegen die Sowjetunion die Kanzel der Hauptmoschee von Herat, eines Kleinods der islamischen Baukunst aus dem 14. Jahrhundert. Je nach Stimmung des Volkes und nach außenpolitischen Erwägungen gibt sich der Khan liberal, patriotisch oder fromm. Ein begnadeter Redner ist der einstige Offizier allerdings nicht. Auch seine religiöse Bildung läßt offenbar zu wünschen übrig. Selten zitiert er den Koran oder den Propheten, wie es beim Freitagsgebet eigentlich der Brauch ist.

          Wie ein orientalischer Souverän beherrscht Amir Sahib, der "Herr Emir", wie die Bevölkerung Ismael Khan nennt, sein Reich. Kritik duldet er nicht. Während es in Kabul zum guten Ton gehört, über die Mächtigen zu schimpfen, wagt es in Herat niemand, den Herrn Emir offen zu tadeln. Der Tadschike ist eitel und rachsüchtig. Als ein BBC-Korrespondent vor einiger Zeit berichtete, daß der Staatschef Hamid Karzai bei seinem Besuch in Herat von der Bevölkerung weit mehr gefeiert worden sei als sein Gastgeber, landete er unverzüglich im Gefängnis. Allerdings kam er nach ein paar Tagen wieder frei. Ein blutrünstiger Provinzherr wie etwa Abdulraschid Dostum, der Herr von Mazar-i-Sharif, ist der Khan nicht. In Kabul allerdings wird die Selbstherrlichkeit des Provinzherrn des öfteren aufs Korn genommen. Die Wochenzeitung "Kabul-e Haftegi", die der Regierung Karzai nahesteht, zählte vor einiger Zeit 35 Titel auf, mit denen dem Emir von seinen Hofleuten geschmeichelt wird: "Feldherr des Aufbaus", "siegreicher Führer", "weiser Lenker", "Emir der Kanzel und des Schlachtfeldes" und weitere hochklingende Ehrerweisungen.

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