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Afghanistan : Jeden Freitag ein Pferderennen

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Der offizielle Titel des Ismael Khan, mit dem sein Konterfei in den Amtsstuben beschriftet ist, lautet indes "Al Hadsch Ismael Khan, der Emir des Südwestens von Afghanistan". Der Sahib Amir dünkt sich also als eigentlicher Herrscher der fünf Provinzen in den westlichen Regionen des Landes. Der vermessene Anspruch stammt aus den Zeiten des Heiligen Kriegs gegen die sowjetischen Besatzer. Ismael Khan war damals Befehlshaber der Mudschahedin-Partei Dschamiat-e Islami, deren Chef noch immer der ehemalige Staatspräsident Burhanuddin Rabbani ist. Außer in Herat und Badghis im Norden, wo hauptsächlich Tadschiken leben, ist Ismael Khan in seinen vermeintlichen Domänen fast eine Persona non grata. Denn in den drei südlich liegenden Provinzen besteht die Bevölkerung mehrheitlich aus Paschtunen. Selbst in der eigenen Provinz Herat hat Ismael Khan einige Probleme. Im Süden der Provinz leben Paschtunen, denen die tadschikische Macht in Herat ein Dorn im Auge ist. So überfallen paschtunische Banden von Zeit zu Zeit die Stadt Schindand, die früher Sabzewar hieß, und plündern die 30 000 Seelen zählende Ortschaft.

Das Stammland der paschtunischen Rebellen ist Zirkuh, das von einem paschtunischen Hasardeur namens Amanullah beherrscht wird. Amanullah vom Stamme Nurzoi war früher ein Mitstreiter der Taliban. Aus Zirkuh mit seinen 50 000 Einwohnern will der Stammesführer einen paschtunischen Kleinstaat machen. Die Gunst der Bauern hat er. Amanullah hat in seinem Gebiet den Anbau von Opium freigegeben, während Ismael Khan alle Mohnfelder zerstören läßt. So gesehen geht es also im Süden von Herat nicht nur um ethnische Konflikte oder um den Ehrgeiz eines Warlords, sondern auch um den "Opiumkrieg". Von Zirkuh bis zur Grenze der Islamischen Republik Iran sind es nur 100 Kilometer. Jenseits der Grenze steigt der Preis für das dunkelbraune Rohopium auf das Zehnfache. Für dieses Jahr erwartet man eine Rekordernte. Doch seit einigen Wochen gibt es einen unausgesprochenen Waffenstillstand zwischen Amanullah und Ismael Khan. Der Emir von Herat möchte lieber als "weiser Lenker" in die afghanische Geschichte eingehen denn als ein Warlord.

Zur Macht in Herat hat der Khan einen langen, steinigen Weg zurückgelegt. Ismael Khan, geboren im Süden von Herat, begann seine Karriere als Offizier in den siebziger Jahren. Als die Bevölkerung von Herat sich im März 1977 gegen die kommunistischen Herrscher erhob, überfiel der Khan mit ein paar Gesinnungsgenossen das Zeughaus der Kaserne und schloß sich den Aufständischen an. Damals betrachtete er sich als ein afghanischer Patriot. Als der Aufstand niedergeschlagen wurde, floh er in die Provinz Badghis und wurde ein "heiliger Krieger". Bald zählte er dank seines militärischen Geschicks und seines persönlichen Muts zu den namhaften Mudschahedinführern Afghanistans. Als im Jahr 1992 der Islam über den Kommunismus siegte, wurde der beherzte Krieger zum Gouverneur von Herat. Aber nur drei Jahre hielt seine Herrschaft. 1995 nahmen die Taliban fast kampflos die Stadt ein. In Nacht und Nebel floh der Khan nach Badghis. Doch dort wurde er von einem verräterischen usbekischen Warlord verhaftet und an die Taliban ausgeliefert. Die Koranschüler steckten ihn in Kandahar ins Gefängnis. Ein junger Talibankämpfer, der Ismael Khan bewachte, so die offizielle Version, war von der Frömmigkeit und der Güte seines Gefangenen so angetan, daß er ihm zur Flucht verhalf. Mit einem japanischen Landcruiser brachte er den abgemagerten Khan zur iranischen Grenze. Kurz davor allerdings riß eine Mine dem Gefängniswärter das Bein ab. Ismael Khan wurde nur leicht verletzt.

Drei Jahre später schickten die Iraner ihren Gast nach Afghanistan zurück. Er sollte die Nordallianz unterstützen. Nach dem 11. September 2001 betrat Al Hadsch Ismael Khan im Triumph das befreite Herat. Nach seiner Ankunft hoffte die technische Intelligentsia, die sich zu einem Verband zusammengeschlossen hatte, den Emir für ein modernes Afghanistan gewinnen zu können. Doch die Dschihadis, die früheren Mitstreiter Ismael Khans, verankert in bäuerlichen Traditionen, siegten am Ende. Sie sitzen heute überall in den Schlüsselpositionen. Auf ihren Wunsch hin hat Ismael Khan die Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit befohlen und den Frauen das Autofahren verboten.

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