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Kommentar zu jahrelangem Krieg : Frieden in Afghanistan?

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani mahnt und warnt. (Archivfoto) Bild: AP

Die Vereinigten Staaten stehen in Afghanistan de facto vor einer Niederlage. Ein Abkommen mit den Taliban böte einen Ausweg – der Weg dorthin ist jedoch voller Unwägbarkeiten.

          Ist die Stunde des Friedens für Afghanistan gekommen? Diese Hoffnung verbreitete der amerikanische Präsident kürzlich vor dem Kongress. Donald Trump pries den Mut und die Tapferkeit seiner Soldaten, dank deren man nun eine politische Lösung dieses „langen und blutigen Konflikts“ anstreben könne. Tatsächlich ist es wohl eher die Vergeblichkeit des Heldenmuts der Amerikaner, die für die jüngsten Fortschritte in ihren Gesprächen mit den aufständischen Taliban mitverantwortlich war. Die Vereinigten Staaten sind des Einsatzes am Hindukusch müde, sie wollen den längsten Krieg ihrer Geschichte beenden. Es ist aber auch und in erster Linie der längste Krieg in der neueren Geschichte Afghanistans. In was für einer Lage wird Washington die verbündete afghanische Regierung zurücklassen: ohne ausreichende Mittel, um sich gegen die Taliban zu verteidigen?

          Nachdem Amerika und die Taliban sich in Qatar offenbar näher gekommen sind als je zuvor, dürften im Kabuler Regierungsbezirk dieser Tage eine Menge Leute Kopfschmerzen haben. Zugleich versetzte allein die vage Aussicht auf ein Friedensabkommen viele Afghanen kurzzeitig in Hochstimmung. Die Bilder vom vergangenen Juni, als es während einer dreitägigen Feuerpause zu Szenen der Verbrüderung zwischen den Gegnern kam, sind nicht vergessen.

          Jeden Tag verzeichnet die afghanische Armee Verluste

          Aber auch die Angst ist groß. Denn die Taliban lassen in ihrem militärischen Druck nicht nach. Jede Woche, jeden Tag verzeichnet die afghanische Armee Verluste. Ende 2018 hatte die Regierung von Präsident Aschraf Ghani noch knapp 54 Prozent des Landes unter Kontrolle. Monat für Monat verliert sie ein wenig, während die Islamisten ein wenig dazuerobern. Sie sind so stark wie seit 2001 nicht.

          Die amerikanische Militärführung spricht unverändert von einem Patt. Washington ist aber längst dabei, sich zum Notausgang zu begeben. Im 18. Jahr des Krieges, dessen direkte Kosten sich für Amerika auf bald eine Billion Dollar summieren und in dem 2300 eigene Soldaten gefallen sind, stehen die Vereinigten Staaten am Hindukusch de facto vor einer Niederlage – wie schon die Sowjetunion und vor ihr andere Großmächte.

          Ein Friedensschluss böte einen Ausweg. Der Weg dorthin ist jedoch gepflastert mit Unwägbarkeiten: Nach wie vor legen sich die Taliban nicht fest, ob sie bereit sind, mit Ghani direkt zu verhandeln. Und auch nicht, wann: Erst nach einem Abzug der verbliebenen 22.000 ausländischen Soldaten? Wer garantiert, dass sie nicht ihr „Islamisches Emirat“ wiedererrichten werden, in dem schon einmal, von 1996 bis 2001, drakonische Gesetze herrschten? Manche Einlassungen von Taliban-Führern dieser Tage klingen, als hätten sie Kreide gefressen. Und auch unter den Islamisten gibt es Radikalere und Moderatere. Es deutet aber wenig darauf hin, dass sie vom Ziel eines rigiden politischen Systems abgerückt wären, in dem viele Menschen nicht gleichberechtigt sind.

          Ghani mahnt und warnt

          Die Versprechungen, die sie in Qatar gemacht haben, dürften den Taliban leichtgefallen sein. Etwa dass internationale Terrorgruppen nicht mehr von Afghanistan aus operieren: Al Qaida ist für die Bewegung verzichtbar und der „Islamische Staat“ sogar ein Gegner. Eine Waffenruhe hingegen konnten die Amerikaner den Taliban noch nicht abringen. Ende Februar wollen sie weiterverhandeln.

          So überrascht es nicht, dass Ghani mahnt und warnt. Ihm steht das Schicksal des früheren Präsidenten Nadschibullah vor Augen, der im UN-Hauptquartier in Kabul Zuflucht gesucht hatte, dort aber 1996 von den Taliban ergriffen, umgebracht und dessen Leichnam öffentlich aufgehängt wurde. Washington versucht zu beruhigen: Wir lassen euch nicht allein, lautet die Botschaft. Doch wer wollte sich angesichts des Temperaments dieses Präsidenten darauf verlassen? Auch die Nato-Partner rätseln weiter, ob Trump schon bald einen Teil der Truppen aus Afghanistan abzieht. An dieser – bislang unbestätigten – Entscheidung hängt nicht zuletzt das militärische Engagement Deutschlands, das derzeit 1150 Soldaten umfasst. Für die Bundeswehr ist es der verlustreichste Einsatz ihrer Geschichte, 58 Soldaten sind ums Leben gekommen.

          Und da enden die Ungewissheiten noch lange nicht. Wird Pakistan sich weiterhin, wie zuletzt, konstruktiv verhalten? Welche Rolle spielt Russland, das gerade wieder eigene „Friedensgespräche“ organisiert hat? In beiden Fällen sollte man misstrauisch sein. Auch die im Sommer geplante afghanische Präsidentenwahl schafft Unruhe. Viele wollen mitmischen, jetzt, da Frieden zum ersten Mal seit langer Zeit überhaupt denkbar scheint.

          Und doch wird um all diese Akteure nicht herumkommen, wer den Krieg beenden will. Ebenso wenig wie um die Taliban. Auch ein schlecht organisierter Friedensprozess könnte das Land jedoch noch weiter zerreißen. Er muss mit breiter gesellschaftlicher Beteiligung geführt werden. Und jedes Abkommen mit den Taliban muss klare Garantien und Mechanismen enthalten, es kann nicht ausschließlich auf Vertrauen beruhen. Frieden in Afghanistan kann auf absehbare Zeit nur erreicht werden, wenn er mit robusten Mitteln – auch von außen – abgesichert wird. Selbst dann wird es aber ein fragiler Frieden bleiben.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

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