https://www.faz.net/-gpf-bm5

Afghanistan : In Vertretung der abwesenden Regierung

Amerikanische Soldaten befragen Dorfbewohner im Distrikt Zhari, Kandahar. Bild: (c) AP

Die Isaf kann in der Schlacht um Kandahar militärische Erfolge vorweisen. Nachdem die Taliban vertrieben sind, ist das Militär im Kampf um den Aufbau von Staatlichkeit allerdings meist auf sich allein gestellt.

          Der Gouverneur wird mit dem Hubschrauber eingeflogen. Die Vertreter der Ministerien rasen wild hupend mit Tempo 150 auf der Landstraße heran. Sie sind auf dem Weg nach in Panjwai, einem Distrikt westlich der Stadt Kandahar, der noch vor einigen Wochen Taliban-Land war. Mitte Oktober rückten amerikanische Fallschirmjäger gemeinsam mit mehr als 2000 afghanischen Soldaten auf die Orte Muschan, Zangabad und Talokan vor, wo die Aufständischen sich verschanzt hatten. Inzwischen sind die Kämpfe abgeflaut, die Taliban sind entweder geflohen oder in der Gegend untergetaucht. Nun soll der Staat, der hier schon seit 2006 nicht mehr richtig präsent war, so schnell wie möglich das Machtvakuum füllen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Im schwer bewachten Büro des Distriktmanagers hat Provinzgouverneur Tooryalai Weesa eine Ältestenversammlung einberufen. Auf großen Tabletts werden Rindfleisch, Reis und Cola-Dosen hereingetragen. Eigentlich hätte Weesa die Dorfvorsteher von Panjwai auch in Kandahar treffen können, denn die meisten von ihnen sind schon vor Wochen vor den militärischen Operationen in die Provinzhauptstadt geflüchtet. Aber es geht um die Symbolik. Dass der Gouverneur hierher kommen kann, und sei es nur per Hubschrauber, soll Sicherheit demonstrieren. „Wir wollen, dass die Leute zurückkehren“, ruft Weesa in den Saal. Doch die Alten wiegeln ab. Die Wege seien vermint und in den Dörfern seien noch Kämpfer versteckt.

          Das Misstrauen zwischen Staatsmacht und Bevölkerung sitzt tief. Der Vertreter des Gesundheitsministeriums, ein hagerer Mann mit müden Augen, berichtet von niedergebrannten Kliniken und getöteten Ärzten. Als einer der Dörfler fragt, warum das Hospital in Talokan noch geschlossen sei, schreit der Mediziner sich den ganzen Frust von der Seele: „Ihr habt fünf meiner Ärzte getötet. Ihre Leichen habe ich persönlich zu ihren Familien nach Nangarhar gebracht und ihnen gesagt: 'Seht her, das ist ein Geschenk der Leute von Panjwai.‘“ Einer der Ältesten schreit zurück: „Von uns sind auch viele Leute gestorben.“ Ein anderer zischt: „Das sind alles nur Ausreden für die Untätigkeit der Regierung.“

          Kandahar: Militärisch erfolgreich, mit dem Aufbau einer zivilen Führung aber hapert es.

          Ein unauflöslicher Filz von Staatsmacht und informellen Machthabern

          Der Vertreter des Bildungsministeriums lässt durchblicken, dass er die Leute aus Panjwai für ziemliche Dorftrottel hält. Er setzt zu einem Monolog über die Bedeutung von Biologie und Chemie für die Selbsterkenntnis des Menschen an, bis der Gouverneur ihm rüde ins Wort fällt: „Komm zur Sache.“ Die Sache ist die: Von 29 Grundschulen in Panjwai sind nur drei geöffnet, alle sieben weiterführenden Schulen sind geschlossen, weil es keine Lehrer gibt, die sich dorthin trauen - oder keine Kontrolleure, die überprüfen können, dass die Männer, die die Gehälter beziehen sollen, tatsächlich Lehrer sind und keine Taliban.

          Die Angst der Regierungsmitarbeiter vor den ländlichen Gebieten soll nun mit Geld gelindert werden. „AWK hat für jeden Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums 1000 Dollar zugesagt“, sagt der Gouverneur. AWK ist die Abkürzung für Ahmad Wali Karzai, den Bruder des afghanischen Präsidenten. Er ist der heimliche Machthaber von Kandahar, der in der Provinz die Fäden zieht. Dass er sich um die Bezahlung von Regierungsbeamten kümmert, obwohl das offiziell keineswegs seine Aufgabe ist, scheint hier niemanden zu wundern. Das Nebeneinander von Staatsmacht und informellen Machthabern hat sich in Kandahar zu einem schier unauflöslichen Filz verwoben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.