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Taliban und Pakistan : Half Pakistan den Taliban in Pandschir?

Kämpfer der Widerstandskräfte in Pandschir Bild: Reuters

Die Taliban verkünden die Einnahme von Pandschir, der letzten noch von Widerstandskräften gehaltenen Provinz. Dort berichtet man über Lufthilfe des pakistanischen Militärs für die Islamisten.

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          Noch am Wochenende sah es so aus, als versuchten die Rebellen, sich mit Erfolgsmeldungen gegen die Niederlage zu stemmen. Mehr als tausend Taliban-Kämpfer seien gefangen genommen worden und viele weitere getötet, teilte die Nationale Widerstandsfront Afghanistan aus dem Pandschir-Tal mit. Dort hatten sich nach der Machtübernahme zahlreiche Gegner der Islamisten unter der Führung des früheren Vizepräsidenten Amrullah Saleh und Ahmad Massoud verschanzt, des Sohnes des legendären Mudschahedin-Führers Ahmad Schah Massoud. Die Taliban hatten da in Kabul längst die Einnahme von Pandschir mit Gewehrsalven gefeiert. Es ist die letzte von 34 afghanischen Provinzen, die sich ihrer Herrschaft widersetzt hatte.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          Am Montag verkündete Taliban-Sprecher Zabihullah Mudschahid dann in Kabul, dass der Krieg zu Ende sei. In einem Video, das vor dem Gouverneurspalast in der Provinzhauptstadt Bazarak aufgenommen sein soll, sind Kämpfer zu sehen, die die Taliban-Flagge neben dem Gebäude hissen. Auch eine italienische Hilfsorganisation, die nahe Bazarak ein Krankenhaus betreibt, bestätigte die Einnahme der Gegend durch die Taliban. Die Widerstandsfront teilte derweil über Twitter mit, dass ihr Sprecher, der bekannte afghanische Journalist Fahim Daschti, während der Kämpfe ums Leben gekommen sei. Daschti hatte bereits an der Seite von Massouds Vater in den Neunzigerjahren gegen die Taliban gekämpft. Von Massoud selbst hieß es zunächst, er habe das unzugängliche Tal verlassen. Doch dann meldete er sich über Twitter mit der Nachricht, er sei in Pandschir, der Widerstand gehe weiter.

          In dieser Gemengelage, in der Berichte von beiden Seiten kaum zu überprüfen sind, veröffentlichte Massouds Widerstandsfront über Twitter Bilder und Videos, die pakistanische Kampfflugzeuge im Pandschir-Tal zeigen sollen. Zudem kursierten unbestätigte Berichte über den Einsatz von Drohnen. Erst am Wochenende hatte der Besuch des Chefs des pakistanischen Geheimdienstes ISI, Faiz Hameed, in Kabul die Spekulationen darüber befeuert, dass Pakistan weiter sehr direkten Einfluss auf die Taliban ausübt. Dem pakistanischen ISI wird seit jeher nachgesagt, äußerst enge Beziehungen zu den Islamisten im Nachbarland zu haben, die er seit deren Gründung fördern soll. Immer wieder gab es in der Vergangenheit Berichte, dass der ISI sogar hinter der Gründung der Taliban stecke, wenngleich diese nie bestätigt wurden. Vor allem in den ersten Jahren rekrutierten die Islamisten einen großen Teil ihrer Kämpfer aus den afghanischen Flüchtlingslagern in den ebenfalls paschtunischen Gebieten jenseits der Grenze zum Nachbarland. Viele Führungsränge der Islamisten agierten lange Zeit von pakistanischem Boden aus. Das oberste Gremium der Taliban wurde nach der Vertreibung aus Kabul im Jahr 2001 sogar gemeinhin als Quetta-Schura bezeichnet, da sie in der gleichnamigen pakistanischen Stadt vermutet wurde. Besonders dem Haqqani-Netzwerk, einer mächtigen Gruppe innerhalb der Taliban, werden enge Beziehungen zum ISI nachgesagt. Immer wieder hatte es daher auch in Washington Versuche gegeben, den Druck auf Pakistan zu erhöhen.

          Für die neuen Herrscher in Kabul, die ihren Sieg über die alte Regierung vor allem als Befreiung Afghanistans von der Fremdherrschaft durch ausländische Mächte feierten, sind die Berichte über militärische Unterstützung aus dem Nachbarland Pakistan daher pikant. Ahmadullah Wasiq, der stellvertretende Vorsitzende der Kulturkommission der Taliban, hob nach einem Treffen von ISI-Chef Hameed mit Taliban-Führer Mullah Abdul Ghani Baradar am Wochenende hervor, dass es in den Gesprächen vor allem um die bilateralen Beziehungen und Fragen des Grenzverkehrs an den Übergängen zwischen beiden Ländern gegangen sei. Taliban-Sprecher Mudschahid wurde von indischen Nachrichtenseiten gar mit der Aussage zitiert, man werde keinem Land erlauben, sich in Afghanistans Angelegenheiten einzumischen, auch nicht Pakistan.

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