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Afghanistan : Gut und Böse in vielen Schattierungen

Vorposten der Bundeswehr: Haider Muhammad Ismali Bild: Jochen Stahnke

Im Nordosten Afghanistans kommt die Bundeswehr nicht umhin, sich mit den örtlichen Kriegsherren zu arrangieren. Immerhin gilt die Provinz Badakshan weiter als ruhig - wenn auch nicht als stabil.

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          Er war Bauer, Mudschahed, dann Flüchtling. Jetzt ist er Vorposten der Bundeswehr. Haider Muhammad Ismali trägt eine selbstgeschneiderte Uniform und eine Kalaschnikow. In das Rohr seines verkratzten Sturmgewehrs hat er ein Stück Tuch gestopft. Aufrecht und stolz steht er vor seinem Unterstand. Der Posten ist dem Isaf-Feldlager in Faizabad vorgelagert, das von Deutschland betrieben wird. Auch wenn Haider keine Rangabzeichen trägt, wirken der gepflegte schwarze Vollbart und die grüne Mütze, als gehörte alles so zusammen. Unter General Nazir Muhammad kämpfte Haider auf Seiten der islamistischen Jamat-e-Islamia sechs Jahre lang recht erfolgreich gegen die sowjetischen Besatzer. Die Provinz Badakshan haben die Russen nie einnehmen können. Die Taliban versuchen es bislang gar nicht erst. Wohl auch, weil hier so gut wie keine Paschtunen leben. Und weil es hier mächtige Kriegsherren gibt.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Haider, der Tadschike, bekleidete einst den Rang eines Offiziers. Heute schiebt er einen rollbaren Spiegel unter ankommende Zivilfahrzeuge und tastet Reinigungskräfte nach Waffen und Sprengstoff ab. Dafür bekommt er 420 Dollar im Monat, etwa 18.000 Afghani. Mit dem Geld habe er in seinem Dorf Jafftal schon drei Häuser bauen können. „Ich bin glücklich, so viel habe ich noch nie bekommen“, sagt Haider.

          Sie arbeiten im Zwei-Schichten-Rhythmus. Nach sieben Tagen Arbeit gibt es sieben Tage frei. Haider hat sechs Kinder, die beiden ältesten Söhne gehen zur Schule – eine Gelegenheit, die der 56 Jahre alte Wachposten selbst nie hatte. Seit er neun Jahre alt war, arbeitete Haider auf dem Feld, bis er dann Soldat wurde und nach dem Krieg gegen die Sowjetunion einige Jahre als Wirtschaftsflüchtling nach Pakistan übersiedelte.

          Ruhig, aber nicht stabil

          Den begehrten Arbeitsplatz am Bundeswehr-Feldlager hat ihm sein eigentlicher Chef besorgt, General Nazir Muhammad: ein Bürgerkriegskommandeur der Mudschahedin, ein Kriegsherr, einer der mächtigsten Männer in Faizabad. Vermutlich mächtiger noch als der von Kabul bestellte Gouverneur.

          Nazir vermittelte 40 seiner alten Kampfgefährten an die Bundeswehr. Zunächst hatten die Deutschen nach Eröffnung des Wiederaufbauteams für die Provinz (PRT) 2004 auf Nazir Muhammads Dienste verzichtet. Schließlich wurden von den umliegenden Bergen Raketen oder Panzerfaustgeschosse auf das Feldlager gefeuert. Seit Nazir seine Leute hier untergebracht hat und nicht zuletzt dadurch sein Einfluss gewürdigt wurde, hätten diese Art Angriffe weitgehend aufgehört, sagen zivile Beobachter. Haider wurde 2005 an das PRT vermittelt. Heute ist es in Faizabad ruhig, „aber nicht stabil“, wie die Bundeswehrsoldaten täglich melden. Die Zahl der Sprengsätze auf der Straße steigt wieder.

          Nazir Muhammad ist also inzwischen auch noch Arbeitskräftevermittler der Bundeswehr. Regionale Machtstrukturen kann und will man hier nicht verändern. Immerhin verhält sich Nazir ruhig, seine ranghohen Soldaten sind jetzt beschäftigt und er muss den Sold nicht zahlen. Nein, er müsse nicht einen Teil seines Lohnes an General Nazir abgeben, beteuert Haider, der Wachposten. Vielleicht stimmt das, vielleicht hat Nazir Muhammad derart kleine Beträge nicht nötig. Vor zwei Jahren deutete der afghanische Präsident Karzai gegenüber der Zeitschrift „Spiegel“ an, dass Nazir von deutschen Verwaltern in Kundus jeden Monat 30.000 Dollar geliefert bekomme. Solange das Gleichgewicht der Kräfte aufrechterhalten bleibt, es keine Kampfhandlungen gibt und auch Taliban nicht in die Provinz einrücken, hält sich die Schutztruppe Isaf zurück. Die Bedrohung durch örtliche Warlords gilt als gering.

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