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Afghanistan : Glücksgefühle am 11. September

Ein Teppichhändler in Kabul macht Geschäfte mit dem 11.September
          4 Min.

          Für Ahmad Jawid gab es am 11. September 2001 nur eine Verbindung zur Welt da draußen: das Radio. Seine Familie hatte gleich vier Geräte angeschafft - schwere Holzkästen, die noch aus der Zeit der sowjetischen Besatzung stammten. Ein Radio war auf die Frequenz des britischen Senders BBC eingestellt, ein anderes auf den iranischen Sender Mashad, ein drittes auf den iranischen Staatsfunk. Das vierte Gerät empfing den Taliban-Sender und stand für ungebetenen Besuch bereit. Falls einer der Schergen des Islamistenregimes plötzlich vor der Tür stand, lauschte die Familie Propagandaliedern, paschtunischer Trommelmusik oder Koransuren.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Die Taliban waren damals in Afghanistan im Zenit ihrer Macht angelangt. Kundus, wo Ahmad Jawids Familie lebt, war ihre Hochburg im Norden des Landes. Am 11. September vor acht Jahren also erfuhr der Student aus dem Radio, dass Terroristen zwei Flugzeuge am anderen Ende der Welt ins World Trade Center gesteuert und Tausende Menschen getötet hatten. Die Bilder von den einstürzenden Türmen sah er erst viele Monate später, denn Fernsehen gab es damals nicht. Die Taliban hatten es verboten.

          „Wir waren glücklich, die Kampfflugzeuge zu hören“

          Zunächst war die Nachricht aus New York für ihn nur eine Meldung wie viele andere auch. Weit weg und ohne Verbindung zu seinem Leben im politisch isolierten Afghanistan. Doch schon nach wenigen Tagen, als die Vereinigten Staaten Usama Bin Ladin als Drahtzieher identifizierten und dessen Auslieferung von Afghanistan forderten, wurde der Anschlag zu einem der wichtigsten Gesprächsthemen in Jawids Freundeskreis. Zum Beispiel in seinem Englischkurs in einer Privatschule, wo offenbar, wie sich bald zeigte, die richtigen Schlussfolgerungen gezogen wurden: „Alle waren ganz aufgeregt und sagten: Wenn die Amerikaner kommen, können wir als ihre Übersetzer arbeiten“, erinnert sich der 24 Jahre alte Lehramtsstudent.

          Gebet in Kabul: Die Muslime feiern Schab-e Qadr - die 27.Nacht  des Ramadan, in der Mohammed der Koran übermittelt wurde
          Gebet in Kabul: Die Muslime feiern Schab-e Qadr - die 27.Nacht des Ramadan, in der Mohammed der Koran übermittelt wurde : Bild: AFP

          So kam es. Vier seiner Klassenkameraden wurden Dolmetscher für die amerikanischen Truppen. Sie reisten in die Nachbarprovinz Takhar, als Kundus noch in der Hand der Taliban war. Ihr Tagesverdienst: 300 Dollar. Auch andere Leute aus Kundus verdienten damals gut. Sie lieferten Reis, Weizen und Batterien an die Nordallianz, die die Taliban vom Boden aus bekämpfte, während die Amerikaner aus der Luft angriffen.

          „Lange bevor Kundus fiel, hörten wir von weitem die Bomben“, sagt Jawid. Nachts seien er und seine Familie auf das Dach des Hauses gestiegen, um dem Lärm der B-52-Kampfflugzeuge zu lauschen. „Wir waren glücklich, sie zu hören“, sagt er. So verhasst war ihnen das Taliban-Regime. Selbst als die Bombeneinschläge näher kamen, hätten sie draußen gestanden und das Geschehen beobachtet. „Wir waren uns sicher, dass sie keine Zivilisten bombardieren“, sagt Jawid. Die Geschosse seien klein gewesen und hätten ihre Ziele meistens getroffen. Allerdings habe es doch einzelne zivile Tote gegeben.

          Damals begannen die ersten Taliban, ihre Bärte zu schneiden und ihre Turbane abzusetzen. Schon sehr früh, bevor die Übergangsregierung von Hamid Karzai eingesetzt wurde, hätten die Menschen in Kundus von Wiederaufbau gesprochen. „Sie wussten, dass Amerika ein reiches Land ist“, sagt Jawid. Sie seien voller Hoffnung gewesen.

          „Welches Recht haben die Amerikaner, unsere Landsleute zu töten?“

          Fatima hat das ganz anders erlebt. Die 27 Jahre alte Frau lebte damals mit ihrer Familie im iranischen Exil in der Kleinstadt Gurgan. Zwei Tage vor dem 11. September war der Tadschikenführer Ahmed Schah Massud im afghanischen Panjshirtal von Terroristen ermordet worden. „Wir waren tief erschüttert. Viele waren ratlos und fragten: Wie soll es ohne unseren Anführer weitergehen? Was wird aus unseren Familien in Afghanistan?“ Die Trauer um Massud überschattete den „11. September“ im fernen Amerika.

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