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Afghanistan : „Gewalt in Talokan war gesteuert“

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Proteste in Talokan Mitte Mai: „Gesteuert und instrumentalisiert” Bild: dapd

Der Vorfall im nordafghanischen Talokan, bei dem vor einem deutschen Posten der Isaf-Truppe 12 Personen getötet wurden, war nach Einschätzung der Bundeswehr nicht nur eine gewalttätige Demonstration, sondern ein gezielter Angriff.

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          Der Vorfall im nordafghanischen Talokan Mitte Mai, als vor einem deutschen Posten der internationalen Afghanistan-Truppe Isaf 12 Personen getötet worden sind, war nach Einschätzung der Bundeswehr nicht nur eine gewalttätige Demonstration, sondern ein gezielter Angriff.

          Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte am Sonntag in Berlin: „Nach vorliegenden Informationen muss davon ausgegangen werden, dass die Demonstrationen gesteuert und instrumentalisiert wurden.“ Es habe sich nicht nur um eine gewalttätige Demonstration gehandelt, sondern um einen Angriff auf das sogenannte Provincial Advisory Team (PAT) „mit lang andauernden Steinwürfen, dem Werfen von Molotowcocktails oder Brandsätzen sowie dem Einsatz von Handgranaten“.

          Angesichts der aufgebrachten und teils gewalttätigen Menschenmenge hatten afghanische Sicherheitskräfte, aber auch Bundeswehrsoldaten Schusswaffen eingesetzt. Ein Bericht der Vereinten Nationen kommt laut einem Bericht der Zeitschrift „Spiegel“ zu dem Schluss, dass deutsche Soldaten dabei möglicherweise drei Personen getötet hätten.

          Die Bundeswehr hatte zwei Tage nach dem Vorfall vom 18. Mai - die Demonstrationen in der Stadt dauerten auch am folgenden Tag noch an - mitgeteilt, deutsche Soldaten hätten in Selbstverteidigung nach mehreren Warnsignalen scharf auf die Beine geschossen, in drei oder vier Fällen auch auf den Oberkörper, in einem Fall sei ein Mann möglicherweise in Hals und Kopf getroffen worden.

          UN-Bericht: Angemessenes Verhalten

          In dem UN-Bericht, der nun von drei durch Deutsche Erschossenen sprechen soll, wird das Verhalten der Bundeswehrsoldaten laut „Spiegel“ als „angemessen“ bezeichnet. Vom UN-Bericht habe er keine Kenntnis, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums. Auch Ergebnisse von Untersuchungen der Isaf und der afghanischen Regierung lägen noch nicht vor. Ein eigener truppendienstlicher Untersuchungsbericht der Bundeswehr werde derzeit ausgewertet. Alle bisherigen Erkenntnisse zeigten, dass die Soldaten im Einklang mit den nationalen Regeln und den Isaf-Regeln gehandelt haben.

          Die Proteste hatten sich an einer nächtlichen Kommandoaktion von Isaf-Spezialkräften entzündet, bei der vier Personen getötet worden waren, unter ihnen zwei Frauen. Die beiden Frauen sollen dabei bereits Sprengstoffwesten angelegt haben, wie es in der Bundeswehr heißt; deutsche Soldaten waren daran jedoch nicht beteiligt. Der afghanische Präsident Karzai hat sich zuletzt mehrmals scharf gegen nächtliche Isaf-Spezialkräfteeinsätze gewandt.

          Bundeswehrverband: Wo sind Merkel und Westerwelle?

          Der Deutsche Bundeswehr-Verband griff Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Westerwelle scharf an. Er warne davor, die Soldaten im Afghanistan-Einsatz im Stich zu lassen, schrieb der Verbandsvorsitzende, Oberst Ulrich Kirsch, in der Zeitung „Bild am Sonntag“. „Wo sind die Besuche von Bundeskanzlerin Merkel in Afghanistan? Wann spricht sie mit Karzai, wann mit den Vereinten Nationen? Und was macht eigentlich Außenminister Westerwelle - immerhin der federführende Minister? Eins ist klar: Chefsache ist der Afghanistan-Krieg wirklich nicht.“

          Unterdessen wurden beim Absturz eines Hubschraubers im Osten Afghanistans nach Angaben der Isaf zwei Insassen getötet. Ebenfalls am Wochenende wurden vier Isaf-Soldaten an der Grenze zu Pakistan durch einen versteckten Sprengsatz getötet.

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