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Evakuierung in Kabul : „Das ist die Ehre Frankreichs. Willkommen!“

Sicheres Geleit: Französische Spezialkräfte (hier vor dem Abflug in Orléans) haben 260 Mitarbeiter der EU-Delegation zum Militärflughafen in Kabul gebracht. Bild: dpa

Frankreich hat 260 Mitarbeiter der EU-Vertretung zum Flughafen in Kabul gebracht. Macron will damit auch die Schutzmachtrolle seines Landes unterstreichen. Und er will die EU vor „unkontrollierten Migrationsströmen“ schützen. Das ruft die Linken auf den Plan.

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          Französische Spezialkräfte haben 260 Mitarbeiter der EU-Delegation in Afghanistan sicheres Geleit zum Militärflughafen in Kabul gewährt. Das hat der französische Botschafter in Afghanistan, David Martinon, am Montag mitgeteilt. „Bravo EU“ schrieb er unter Filmmitschnitten, die Europäer und afghanische Ortskräfte mit Kindern zeigen, wie sie eine schwer bewaffnete französische Soldatin an einem Kontrollposten passieren. Martinon wies auf die Zusammenarbeit mit den Amerikanern bei der Rettungsaktion hin. Die EU-Mitarbeiter würden im Bereich der französischen Botschaft am Militärflughafen warten, bis sie von einem französischen Militärflugzeug über Abu Dhabi nach Paris ausgeflogen würden, teilte der Botschafter auf Twitter mit. Frankreich hat an seinem ständigen Militärstützpunkt in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine Luftbrücke von Kabul nach Paris eingerichtet.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Seit dem 15. August hat die französische Armee laut Angaben des französischen Generalstabschefs Thierry Burkhard mehr als 1000 Franzosen, Europäer und Afghanen geholfen, Kabul zu verlassen. Botschafter Martinon filmte, wie er mit einem Mitglied der Spezialkräfte an dem Kontrollposten vorbeiging. „Danke Botschafter! Ihre Jungs waren wunderbar! Es lebe Frankreich!“, sagte die Soldatin. In der Nähe von Paris wurde ein Hotel für die Aufnahme der afghanischen Flüchtlinge eingerichtet, wo sie eine 14-tägige Quarantäne einhalten müssen. Sie sollen so schnell wie möglich geimpft werden. Präsident Emmanuel Macron hat ein Foto, auf dem eine französische Soldatin ein afghanisches Kind trägt, mit den Worten kommentiert: „Das ist die Ehre Frankreichs. Willkommen!“

          Le Pen im Rücken

          Kurz vor der französischen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2022 ist es Macron ein Anliegen, auf die europäische Schutzmachtrolle der französischen Armee zu verweisen. Zugleich steht er unter Druck der Rechtspopulistin Marine Le Pen, die einen unkontrollierten Flüchtlingsstrom aus Afghanistan befürchtet. Deshalb hat Macron in seiner Fernsehansprache eine koordinierte europäische Antwort angemahnt. „Wir müssen präventiv handeln und uns vor starken unkontrollierten Migrationsströmen schützen, die die Flüchtenden gefährden und in die Hände von Menschenhändlern bringen würden“, sagte er.

          Für diesen Satz hagelte es von der Linken Kritik. Bei den G7-Beratungen zu Afghanistan will Macron nichtsdestotrotz auf eine bessere Koordinierung pochen. Frankreich hat sich damit abgefunden, dass die Bundesregierung die kritische Lagebewertung zu Afghanistan nicht geteilt hat. Frankreich hat schon am 10. Mai begonnen, afghanische Ortskräfte und ihre Familien außer Landes zu bringen. 600 Personen wurde politisches Asyl in Frankreich gewährt. Botschafter Martinon schrieb in seinen Berichten, dass der Abzug der amerikanischen Truppen unweigerlich die Taliban an die Macht bringen würde und die Rettungsaktion deshalb beginnen müsse.

          Die Zeitung „Le Monde“ bewertete im Mai die französische Strategie als „überaus pessimistisch“ und schrieb, dass dies zu Missmut bei den EU-Partnern geführt habe. Martinon sieht sich nachträglich in seinen Analysen bestätigt. Als Präsidentensprecher Nicolas Sarkozys (2007 bis 2012) hat Martinon Zugang zu den vertraulichen Analysen des französischen Generalstabs gehabt, die Präsident Sarkozy zu seiner Rückzugsentscheidung brachten. Frankreichs Militärausbilder bewerteten schon 2011 die Chancen als gering, eine funktionierende afghanische Nationalarmee aufzubauen.

          Sarkozy stellte Ausbildungsmissionen ein

          Frankreich hatte seine Truppenstärke am Hindukusch Ende 2009 auf 4000 erhöht. Das war vor allem eine symbolische Geste, um die Rückkehr in die integrierten Militärstrukturen der Nato im Jahr 2009 zu begleiten. Doch Sarkozy holten die pessimistischen Lagebewertungen aus der Armeeführung schnell ein. Im Juni 2011 kündigte er an, die Truppenstärke schrittweise zu reduzieren, da das Ziel der Ausschaltung Osama Bin Ladens erreicht sei. Nachdem ein Mann in der Uniform der afghanischen Nationalarmee in Kapisa auf vier joggende Soldaten im militärischen Sicherheitsbereich losging und sie tötete und 15 weitere Soldaten verletzte, beschleunigte Sarkozy Anfang 2012 den Truppenabzug. Er beschwerte sich, dass die afghanische Armee die vereinbarten Sicherheitsbedingungen nicht erfülle. Die Taliban hatten damals den Anschlag des „patriotischen Soldaten“ begrüßt.

          „Wir stehen an der Seite unserer Verbündeten, aber wir können nicht akzeptieren, dass auch nur einer unserer Soldaten von einem Verbündeten getötet oder verletzt wird“, sagte Sarkozy seinerzeit. Der Präsident stellte alle Ausbildungsmissionen für die afghanische Armee ein. Wie der Afghanistan-Forscher Olivier Roy jetzt in der Zeitung „Ouest-France“ sagte, sei den Franzosen schon damals klar gewesen, dass die Ausbildungsversuche gescheitert seien, denn auch in der Armee hätten sich die Clanstrukturen widergespiegelt und Korruption geherrscht. Die politische Führung in Kabul habe nichts dagegen unternommen.

          Sarkozys Nachfolger François Hollande setzte den Truppenabzug fort, Ende 2014 verließen die letzten Soldaten das Land. Seither hat sich Frankreich auf zivile Aufbauprogramme in Afghanistan spezialisiert. Unter den Geretteten sind viele Mitarbeiter von Nichtregierungs- und Hilfsorganisationen. Im Komplex der französischen Botschaft Wazir Akbar Khan harren noch Hunderte Afghanen in der Hoffnung auf eine Ausreise nach Frankreich aus. Botschafter Martinon hat sie gebeten, das Gebäude „zu ihrer eigenen Sicherheit“ zu verlassen. Das Team der französischen Botschaft arbeitet nur noch vom Militärflughafen aus.

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