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Afghanistan-Experte Ruttig : „Die Taliban sind von ihrem schnellen Erfolg berauscht“

Taliban-Kämpfer am Montag in Kabul Bild: EPA

Der Afghanistan-Fachmann Thomas Ruttig über die Fehleinschätzung der Lage am Hindukusch, das Vorgehen der Taliban nach dem Machtwechsel und ihre Fähigkeiten, erbeutete moderne Waffen zu nutzen.

          3 Min.

          Die Taliban haben in Kabul die Macht übernommen. Auf was für eine Art von Regierung müssen wir uns einstellen?

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Ob die Taliban-Regierung Islamisches Emirat heißen wird oder nicht, ist noch nicht abzusehen. Sie hätten das Emirat ja schon ausrufen können. Ein Taliban-Sprecher hat gesagt, sie wollen eine offene, inklusive islamische Regierung. Das könnte ein Angebot an die früheren Mujaheddin-Führer in Kabul und Leute wie den früheren Präsidenten Hamid Karzai sein.

          Ein Sprecher Karzais hat ja gestern gesagt, dass es solche Gespräche gebe.

          Das kann sein. Es könnte aber auch sein, dass die das ein bisschen hochspielen. Von den Taliban habe ich noch keine Bestätigung gehört.

          Werden die Taliban die gleiche Art von Unterdrückungsregime etablieren wie in den Jahren ihres Emirats von 1996 bis 2001?

          Man kann nur hoffen, dass die Taliban vom letzten Mal gelernt haben, dass man die internationale Gemeinschaft gegen sich aufbringt, wenn man Terroristen beherbergt, und dass man nicht lange regieren kann, wenn man sich durch Menschenrechtsverletzungen isoliert. Afghanistan hat nicht so hohe Eigeneinnahmen. Die Taliban werden von ausländischer Hilfe abhängig sein. Das verstehen sie auch. Deshalb haben sie in Richtung der internationalen Gemeinschaft kommuniziert, dass sie keine Terroristen beherbergen und weder die Nachbarländer noch die Bevölkerung bedrohen wollen. Die Bevölkerung glaubt aber nicht, dass die Taliban sich geändert haben. Sie sind jetzt von ihrem schnellen Erfolg berauscht, und man kann nur hoffen, dass diejenigen, die einen Rachefeldzug planen, von ihrer Führung gebremst werden.  

          Thomas Ruttig ist Ko-Direktor der Denkfabrik Afghanistan Analysts Network.
          Thomas Ruttig ist Ko-Direktor der Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. : Bild: Thomas Ruttig

          Was lässt sich denn bisher über das Vorgehen der Taliban in den eroberten Städten sagen?

          Bislang gibt es ein sehr gemischtes Bild. Es gab Rachemorde, zum Teil aber an Leuten, die selbst Folterkeller unterhalten haben. Es ist auch unklar, ob das immer alles Taliban waren. Was die Berichte über Zwangsverheiratungen angeht, wäre ich sehr vorsichtig. Wenn es Übergriffe gibt, muss man die Taliban zur Verantwortung ziehen und sie dazu bringen, solche Vorwürfe zu untersuchen und dazu Stellung zu nehmen. 

          Was kann die internationale Gemeinschaft in dieser Lage tun? 

          Man braucht jetzt eine starke UN-Präsenz mit einer starken menschenrechtlichen Komponente, die auch dann noch darauf schaut, was die Taliban machen, wenn unsere Aufmerksamkeit wieder schwindet. Wir brauchen außerdem eine afghanische Zivilgesellschaft, die den Taliban auf die Finger schaut und Übergriffe kritisiert, von denen sie selbst sagen, dass sie sie nicht wollen. Ob die Taliban das zulassen, wird eine wichtige Frage sein. 

          Wie konnten die amerikanischen und deutschen Geheimdienste die Lage so falsch einschätzen?

          Ich glaube, alle haben die Taliban seit 20 Jahren unterschätzt und sich nicht von Erkenntnissen beirren lassen, die es gab. Ich kann mich an frühe Berichte aus der Provinz Helmand erinnern, in denen britische Soldaten gesagt haben, dass die Taliban ein ernstzunehmender Gegner sind. Sie sind gut organisiert und haben seit Monaten, wenn nicht seit Jahren in diesen Gebieten ihre Netzwerke ausgebaut. Sie haben den Leuten gesagt, entweder ihr geht nach Hause oder ihr schließt euch uns an oder wir machen euch platt. Und dann ist das genau so passiert, in einem Distrikt nach dem anderen. Ein ehemaliger deutscher General hat gerade von Motorrad-Banden gesprochen, die das viele amerikanische Gerät, das ihnen von den afghanischen Streitkräften in die Hände gefallen ist, gar nicht bedienen könnten. Das ist ein Beispiel dafür, wie tiefgreifend falsch man die Taliban einschätzen kann.

          Woher haben die Taliban denn die Fähigkeiten, die Waffensysteme zu bedienen?

          Ich gehe davon aus, dass viele Leute, die sich mal in der afghanischen Armee haben ausbilden lassen, später bei den Taliban gelandet sind.

          Warum ist die afghanische Regierung samt ihrer Armee so schnell in sich zusammengefallen?

          Weil man ihnen den Teppich unter den Füßen weggezogen hat mit dem US-Taliban-Abkommen (vom Februar 2020), mit einem bedingungslosen Abzug der amerikanischen Truppen und ohne Friedensabkommen. Das hat der Moral der afghanischen Armee natürlich einen Knacks versetzt. Außerdem haben die Trainingsprogramme des Westens sich nur auf die Quantität konzentriert. Es ging darum, möglichst viele Soldaten und Polizisten zu haben, auch wenn viele nur auf dem Papier standen. Man braucht auch eine Regierung, die die Leute schützen wollen. Die hat aber viel zu viel an sich selbst gedacht und sich bereichert. Die Regierung war völlig zerstritten. Alle haben gemeinsam mit den Amerikanern am Stuhl von Präsident Aschraf Ghani gesägt. Der wiederum hat sich völlig isoliert und nur mit einer Handvoll Leuten umgeben. 

          Welche Rolle spielte ausländische Unterstützung für den Sieg der Taliban?

          Ich glaube schon, dass sich die Taliban auch von Pakistan beraten lassen. Aber die können vieles inzwischen allein. Wir haben gesehen, dass über die Grenze viele zusätzliche Kämpfer gekommen sind, aber die Halbwüchsigen aus den Madrasas (Koranschulen) waren, um ein böses Wort zu benutzen, eher Kanonenfutter.

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