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Taliban-Vormarsch : EU warnt vor Folgen eines Bürgerkrieges

Taliban-Kämpfer in Kundus am 9. August Bild: dpa

Ein Gesandter des amerikanischen Außenministeriums reist nach Qatar. Er soll die Taliban zu einer politischen Lösung bewegen. Die setzen ihren Eroberungszug derweil fort.

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          Während die Taliban in Afghanistan ihre Offensive fortsetzen und eine weitere Provinzhauptstadt unter ihre Kontrolle gebracht haben, mehren sich westliche Stimmen, die die islamistischen Milizen zu einem Waffenstillstand auffordern und die vor den Folgen eines anhaltenden Bürgerkrieges warnen.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Das amerikanische Außenministerium teilte mit, der amerikanische Sondergesandte Zalmay Khalilzad sei nach Qatar abgereist, wo seit längerer Zeit schon immer wieder Verhandlungen zwischen Repräsentanten der Taliban und der afghanischen Regierung geführt werden. Khalilzad solle die Taliban dazu bewegen, weiter auf eine politische Lösung hinzuarbeiten, zudem wollten die Vereinigten Staaten klar machen, dass sie eine mit Gewalt durchgesetzte Regierung nicht anerkennen würden.

          Die Europäische Union warnte vor den Folgen eines Bürgerkrieges in Afghanistan, zu denen massive Migrationsbewegungen gehören könnten. Ein Repräsentant der EU gab am Dienstag an, die Taliban kontrollierten mittlerweile 65 Prozent der Fläche Afghanistans. Auch die NATO rief die Taliban auf, ihre Angriffe zu stoppen. Die islamistischen Kämpfer müssten verstehen, dass die internationale Gemeinschaft sie nie anerkennen werde, wenn sie sich einem politischen Prozess verweigerten.

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          Unterdessen wurde am Dienstag aus der Provinzhauptstadt Farah gemeldet, die Taliban seien nach kurzen Kämpfen in die Stadt eingedrungen und hätten den Sitz des Gouverneurs und das Polizeipräsidium übernommen. Aus Mazar-i-Scharif wurde gemeldet, die Taliban rückten zunehmend auf die größte Stadt im Norden Afghanistans vor, wo sich bis vor kurzem auch das Hauptquartier der Bundeswehr befand. Nach Angaben eines lokalen Provinzrates hätten Milizen um den ehemaligen Provinzgouverneur Mohammad Atta eine Verteidigungslinie gegen die Taliban im Norden der Stadt errichtet; Gegenangriffe würden vorbereitet.

          Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet forderte die Taliban auf, ihre Angriffe zu beenden. Seit dem 9. Juli seien in vier Städten, darunter in Kundus, mindestens 183 Zivilisten getötet und fast 1200 verletzt worden; fast eine Viertelmillion Menschen seien seit Mai vor den Taliban geflohen. Aus den Gebieten, die von den Taliban erobert worden seien, würden Massenhinrichtungen und Angriffe auf Repräsentanten der afghanischen Regierung gemeldet, Schulen, Kliniken und Wohnhäuser würden zerstört, Frauen dürften nach diesen Berichten ihre Häuser nicht mehr verlassen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz teilte mit, seit Anfang August seien in 15 Lazaretten und Kliniken mehr als 4000 durch Waffen verwundete Patienten behandelt worden. Es gebe Berichte, dass auch Krankenhäuser angegriffen würden.

          Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag Norbert Röttgen bekräftigte am Dienstag seine am Wochenende in der F.A.Z. erhobene Forderung, der Vormarsch der Taliban müsse auch mit militärischen Mitteln gestoppt werden. Röttgen sagte, es gehe nicht um einen neuen Einsatz der Bundeswehr, doch müsse Deutschland den Vereinigten Staaten Unterstützung dafür anbieten, wenn diese etwa durch Luftschläge versuchten, die Offensive der Taliban zu stoppen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung, die Bundesregierung versuche, afghanische Helfer der Bundeswehr und anderer Organisationen schneller aus Afghanistan auszufliegen.

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