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Frauen in Afghanistan : „Neue Taliban, das sind fake news“

Afghanische Frauen protestieren Anfang September in Kabul für ihre Rechte. Bild: EPA

Das EU-Parlament befasst sich mit der Lage von Frauen unter den neuen Herrschern in Kabul. Aktivistinnen mahnen die Abgeordneten, nicht wegzusehen.

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          Europäische Politiker streichen bei jeder Gelegenheit heraus, dass die Taliban die Menschenrechte zu wahren hätten. Sie fügen stets hinzu: einschließlich der Rechte von Frauen und Mädchen. Dieselbe Formulierung wählte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, als er Ende voriger Woche fünf „Benchmarks“ aufzählte, an denen man die neuen Herrscher in  Kabul messen will und von denen abhängt, ob und wie die EU den Geldhahn für das Land wieder aufdreht. Am Montag befassten sich zwei Ausschüsse im Europäischen Parlament in gemeinsamer Sitzung mit der Lage. Für die Abgeordneten war es eine Gelegenheit, Informationen aus erster Hand darüber zu bekommen – soweit das möglich ist, wenn Aktivistinnen und Diplomaten nicht mehr selbst im Land sein können.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          „Frauen und Mädchen sind sofort wieder zurückgeworfen worden in die Unterdrückung und Ungleichheit der neunziger Jahre zurückgeworfen worden“, sagte Shaharzad Akbar, die Vorsitzende der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission. Sie war per Video zugeschaltet und hat das Land inzwischen verlassen. Sie verwies auf Berichte, wonach es zu illegalen Festnahmen, Durchsuchungen und Massenerschießungen gekommen sei.

          Außerdem hätten die Taliban schon Restriktionen für Frauen in den Medien, in Bildung und Kultur verhängt. „Meine größte Angst ist, dass das Licht ausgeknipst wird“, sagte die Aktivistin. Sie meinte damit, dass sich die internationale Gemeinschaft abwenden könnte. „Sehen Sie nicht weg, vergessen Sie nicht. Werden Sie nicht selbstzufrieden angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan. Unterstützen Sie nicht eine Regierung, die auf einer Kultur der Straflosigkeit beruht“, appellierte die Aktivistin an die Abgeordneten. „Bitte glauben Sie nicht eine Minute lang, dass die repressive Politik den Willen des afghanischen Volks darstellen.“ Wer das tue, mache sich zum Komplizen, warnte sie.

          Ähnlich äußerte sich Guissou Jahangari, die Vizepräsidentin der Internationalen Föderation für Menschenrechte. Sie hat Erfahrung mit mehreren Frauenrechtsprojekten am Hindukusch. „Neue Taliban, das sind fake news“, sagte sie, niemand solle sich von den Versuchen der Islamisten blenden lassen, sich ein modernes Image zuzulegen. Es werde unter ihnen keine Frauen in hohen Regierungsämtern geben, sie betrachteten Frauen weiter mit Verachtung. Wie Akbar machte sie sich dafür stark, dass die Vereinten Nationen einen „Beobachtungsmechanismus“ in Kraft setzen. Das solle bei der nächsten Sitzung des UN-Menschenrechtsrats beschlossen werden.

          In Bussen sollen Frauen auf verhängten Plätzen sitzen

          Differenzierter äußerte sich Andreas von Brandt, der Leiter der EU-Mission in Kabul, der ebenfalls ausgeflogen ist. Einerseits verwies er auf Berichte von Projektpartnern und Medien, die darauf hindeuten, dass die Taliban in der Tat dabei sind, den Aktionsraum von Frauen wieder einzuengen. Der Schulunterricht solle getrennt zwischen Mädchen und Jungen stattfinden, auch das Lehrpersonal solle getrennt werden, berichtete der deutsche Diplomat. Gemäß einem Dekret für private Universitäten dürften männliche und weibliche Studenten einander nicht mehr in die Augen sehen. In Bussen sollten Frauen auf Plätzen sitzen, die verhängt werden. Und die 32 Frauenhäuser, die im ganzen Land aufgebaut worden seien, hätten ihre Türen geschlossen – aus Angst vor den Islamisten.

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          Andererseits schränkte von Brandt ein: „Viele Probleme hat es schon vor den Taliban gegeben, in den berühmten zwanzig Jahren.“ Die seien keineswegs nur glückliche Jahre gewesen, wie oft behauptet werde. Ein paar Fakten: Mehr als die Hälfte afghanischer Frauen gab in Erhebungen an, sie sei schon einmal physisch misshandelt worden; 17 Prozent sprachen von sexueller Misshandlung. Sechzig Prozent der Frauen lebt in „Zwangsehen“, fast alle anderen in arrangierten Ehen. 28 Prozent der Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren sind vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet worden.

          Der EU-Botschafter warnte vor diesem Hintergrund vor „Alarmismus“. Die Taliban seien nicht für alle Probleme verantwortlich, die Frauen hätten. Man solle sie an ihren Taten messen, nicht an dem, was sie vor 25 Jahren gesagt hätten. „Alles, was momentan geschieht, basiert auf Angst.“ Freilich gestand auch er ein: „Wäre ich eine Frau, würde ich alles tun, um aus dem Land herauszukommen.“ Eine der Afghaninnen, die zu der Anhörung geladen wurden, konnte übrigens gar nicht erst teilnehmen. Sie habe Probleme mit ihrem Visum und müsse sich darum kümmern, hieß es zur Begründung.

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