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Afghanistan : Engpass am Hindukusch

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Blockierte Straßen: Bei Chaman hindern Angehörige pakistanischer Stämme die Transporte für die Nato an der Fahrt über die Grenze Bild: REUTERS

Den westlichen Truppen in Afghanistan droht neue Gefahr: Taliban und Al Qaida versuchen, sie vom Nachschub aus Pakistan abzuschneiden. Den aber brauchen sie dringend. Alternative Versorgungswege gibt es kaum.

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          Shaukat Afridi transportierte Sprit und Öl für die westlichen Truppen in Afghanistan. Er starb in der pakistanischen Stadt Baldia Town, ermordet von Mitgliedern einer islamistischen Terrorgruppe. Auftraggeber der Killer war Baitullah Mehsud, Kopf der pakistanischen Taliban. Mehsud, ein mächtiger und skrupelloser Extremist, hat den westlichen Truppen in Afghanistan den Krieg erklärt. Er wolle, schwor er öffentlich, dafür sorgen, dass kein Lastwagen mehr mit Nachschub für die Soldaten der Nato und der Vereinigten Staaten die Grenze passiert. Shaukat Afridi hatte sich ihm entgegengestellt und musste dafür sterben. Er ist nur ein Beispiel von vielen. Seit einem Jahr schon greift die afghanische Front auf Pakistans Straßen über. Doch hier sterben keine Soldaten, sondern Lastwagenfahrer und Spediteure.

          Der Kampf um die Nachschubwege beginnt in den Häfen von Karachi. Im Auftrag westlicher Logistikfirmen kommen hier täglich Frachter an mit Lebensmitteln, Ersatzteilen, Fahrzeugen, Ausrüstung, Waffen, Munition und Benzin. Hunderte Lastwagen lokaler Subunternehmer fahren rund um die Uhr an die besonders gesicherten Hafenterminals heran und nehmen Container auf, Tanklastzüge werden mit Sprit befüllt. Es sind riesige Mengen Material, die in Karachi umgeschlagen werden. Die derzeit etwa 50.000 südlich des Hindukusch stationierten Soldaten der Nato-Schutztruppe Isaf und der unter amerikanischer Führung stehenden Antiterror-Operation „Enduring Freedom“ (OEF) benötigen pro Tag durchschnittlich 250.000 Liter Wasser und drei Millionen Liter Benzin.

          Drei- bis vierhundert Lastwagen gewährleisten die Versorgung

          Weil der Lufttransport in die afghanischen Einsatzgebiete wegen der hohen Kosten und schwierigen Landeverhältnisse an vielen Stationierungsorten keine Alternative ist, bleibt nur der Weg über die Straße. Drei- bis vierhundert Lastwagen, so hat ein Logistik-Experte der Bundeswehr ausgerechnet, müssen täglich an den Standorten ankommen, um die Versorgung der Truppen zu gewährleisten. Und es werden noch mehr: Bis Jahresende wollen die Amerikaner bis zu 20.000 zusätzliche Soldaten in Afghanistan stationieren.

          Der reibungslose Nachschub ist von geradezu strategischer Bedeutung - und kann schnell zum Albtraum werden. Denn die in die Aufstandsbekämpfung verwickelte Allianz in Afghanistan ist von der Versorgung über Pakistan abhängig. Etwa drei Viertel des Nachschubverkehrs wickelt sie derzeit über die Islamische Republik ab. Die Transporte von Karachi nach Norden sind nur über zwei Routen möglich: über Quetta und die Grenzstadt Chaman nach Kandahar oder über Peshawar und Torkam nach Kabul. Beide Wege führen durch unsicheres Gebiet. Seit etwa einem Jahr haben es die Milizen von Baitullah Mehsud besonders auf die Strecke von Peshawar über den Khyber-Pass abgesehen.

          Das perfekte Ziel

          Es war in der Nacht vom 6. auf den 7. Dezember 2008, als sie ihren bislang erfolgreichsten Angriff starteten. Mehr als einhundert Lastwagen hatten auf einem Rastplatz nahe der von Slums gesäumten und von Taliban durchsetzten Millionenstadt Peshawar haltgemacht. Die Fahrer waren von den pakistanischen Behörden aus Sicherheitsgründen angewiesen worden, den etwa 18 Kilometer entfernten Khyber-Pass nur tagsüber und nur mit Schutzbegleitung zu überqueren.

          Unzureichend bewacht, bildete die Lkw-Ansammlung das perfekte Ziel. Um 2.30 Uhr schlugen 200 Kämpfer los: Sie töteten einen Wächter und feuerten Handgranaten und Panzerabwehrraketen auf die Lastwagen. Mit Lebensmitteln und Ersatzteilen beladene Container gingen in Flammen auf, gezielt wurden mehrere Dutzend für die afghanische Armee bestimmte Militärfahrzeuge vom Typ „Humvee“ zerstört. Die pakistanischen Sicherheitskräfte fanden am nächsten Morgen nur noch verschmorte Blechhaufen vor.

          Die Reaktionen in den westlichen Hauptquartieren auf die Nachschubverluste der vergangenen Monate fielen indes betont unaufgeregt aus. Ein amerikanischer Militärsprecher in Kabul nannte die Wirkung der Attacken „militärisch unbedeutend“, sie verursachten kein „ernsthaftes Versorgungsproblem“. Ein ranghoher Nato-Offizier äußerte lapidar, nun müsse die afghanische Armee eben noch ein halbes Jahr länger auf neue Fahrzeuge warten. Doch jenseits der offiziellen Verlautbarungen sind vor allem die amerikanischen Stäbe von den Entwicklungen auf Pakistans Straßen alarmiert. Denn die Truppenaufstockung in diesem Jahr macht sie mehr denn je vom reibungslosen Nachschub abhängig. Schon im September warnte daher der stellvertretende Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs der amerikanischen Streitkräfte, James Cartwright, vor einer Blockade der Versorgungslinien durch Pakistan. „Es wäre eine Herausforderung, unsere Präsenz in Afghanistan dann aufrechtzuerhalten“, sagte er.

          Eine unbedeutende Größe

          Erste Konsequenzen der Attacken auf den Nachschub sind schon spürbar: Wegen der Unterversorgung mit Treibstoff seien in Südafghanistan Truppenbewegungen reduziert und Offensiven abgebrochen worden, heißt es aus Militärkreisen. Zudem hätten amerikanische und britische Truppen an ihren Stützpunkten größere Kraftstoffvorräte anlegen müssen. Einige Speditionen weigern sich inzwischen, im Auftrag der Nato oder der Amerikaner zu fahren. Für umgerechnet 40 Euro pro Transport sei ihnen das Risiko zu hoch, heißt es in pakistanischen Medienberichten. Nato-Militärs entgegnen, die Fuhrunternehmer wollten nur den Preis hochtreiben. Doch der Druck der Taliban auf die Spediteure wächst. Sie drohen denjenigen, die für die westlichen Truppen arbeiten, offen mit Mord. Das Schicksal von Shaukat Afridi gilt Lastwagenfahrern in Pakistan als warnendes Beispiel.

          Längst hat ein Wettlauf um die Deutung der Ereignisse in der Khyber-Region eingesetzt. Nato-Militärs bemühen sich, die Taliban als ein eher temporäres Phänomen abzutun. Mehsuds Milizen seien im Kampf um die Nachschubwege eine unbedeutende Größe, sagen sie. In der Khyber-Region tobe vielmehr ein Verteilungskampf zwischen verschiedenen paschtunischen Stämmen um die millionenschweren Einnahmen aus dem Transportgewerbe, der sich mit Verhandlungen bald beenden lasse. „Die Stämme würden doch eher die Taliban bekämpfen, als sich von ihnen das lukrative Geschäft kaputtmachen zu lassen“, sagt ein ranghoher Offizier. Doch Pakistan-Fachleute warnen davor, den Einfluss der Extremisten zu unterschätzen. Mehsud, heißt es, übe erheblichen Druck auf die Ältesten aus. In manchen Gebieten habe er sie schon mit brutaler Gewalt entmachtet.

          Moskau stellt sich quer

          Fieberhaft suchen die Amerikaner und die Nato deshalb nach alternativen Nachschubrouten. Der Weg über Iran ist versperrt; bleibt als Möglichkeit noch der Transport über Nordafghanistan. Dort hat die Bundeswehr ihr Einsatzgebiet - und einen Nachschubplan entwickelt, der die Verbündeten beeindruckt. Die deutschen Streitkräfte lassen zwar bisher noch den überwiegenden Teil ihres Nachschubs für rund 40 Millionen Euro pro Jahr nach Mazar-i-Sharif einfliegen. Doch schon bald wollen sie die Versorgungsgüter mit der Eisenbahn über Russland und die zentralasiatischen Staaten in das Einsatzgebiet bringen.

          Das ehemals sowjetische Schienennetz bietet sich dafür geradezu an. Aus der Zeit des Afghanistan-Krieges reichen die Gleise aus Russland bis nach Jeyretan an der afghanisch-usbekischen Grenze. Fahrzeuge und Ersatzteile könnten so künftig zehnmal günstiger als mit dem Flugzeug direkt von deutschen Kasernen nahe an die Einsatzorte am Hindukusch transportiert werden. Im November wurde mit der russischen Regierung ein entsprechender Vertrag unterzeichnet; im Februar soll der erste Transport rollen. Im Bundesverteidigungsministerium gibt es sogar Überlegungen, die Eisenbahnstrecke bis nach Mazar-i-Sharif zu verlängern. Einige Nato-Verbündete verfolgen ähnliche Pläne. Doch Moskau stellt sich bislang quer.

          Die Amerikaner in einem Dilemma

          Statt mit den Russen schlossen die Amerikaner daher jetzt mit Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan einen Vertrag über den Straßentransport. Sie wollen künftig die sogenannte Kaukasusroute für ihren Nachschubverkehr nutzen. Die Strecke führt von Europa über Georgien und das Kaspische Meer bis nach Afghanistan. Ein gewaltiger Transportaufwand, denn wenn die Lastwagen nach Tausenden Kilometern endlich im Einsatzland angekommen sind, liegt immer noch ein mächtiges Hindernis vor ihnen: der Hindukusch. Der 3400 Meter hohe Salang-Pass, der auf dem Weg von Nord- nach Südafghanistan passiert werden muss, ist in den Wintermonaten aufgrund von Schnee und Eis kaum zu befahren.

          Die einzige Alternative dazu ist das Flugzeug - oder die westliche Ringstraße über Herat nach Süden. Doch dieser Weg wird an einigen Abschnitten von den afghanischen Taliban oder mit ihnen verbündeten Stammesmilizen kontrolliert. Spediteure müssen dort heute schon Schutzgeld an die Aufständischen zahlen, um ihre Transporte ans Ziel zu bringen. Doch wenn die Kämpfe in diesem Jahr zunehmen, kann sich das schnell ändern. „Deshalb werden die amerikanischen Truppen auf Dauer von den Versorgungswegen in Pakistan abhängig bleiben“, sagt ein Logistikexperte der Bundeswehr.

          Die Amerikaner stecken in einem Dilemma. Sie fordern von Pakistan, für Sicherheit auf den beiden Transportrouten zu sorgen. Doch die Regierung in Islamabad weiß, dass Hunderte Lastwagen mit lebensnotwendigen Versorgungsgütern, die täglich zwischen den Stützpunkten in Afghanistan und Karachi pendeln, ein enormes Druckmittel gegen Washington und seine Verbündeten sind. Für ihr Entgegenkommen erwartet sie, dass zuerst die Angriffe amerikanischer Truppen auf pakistanischem Territorium aufhören.

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