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Afghanistan-Einsatz : „Verharmlosung macht krank“

  • -Aktualisiert am

Studien wie in Amerika oder Israel gibt es für die Bundeswehr noch nicht Bild: ddp

Immer mehr Soldaten kehren mit psychischen Wunden aus Afghanistan zurück. Deutsche Militärpsychiater glauben, dass es helfen würde, wenn der Einsatz der Truppe stärker anerkannt würde.

          5 Min.

          Die Dämmerung zieht auf, als die deutsche Patrouille zum Rückmarsch in das Feldlager in Kundus aufbricht. Die Taliban haben sich nach einigen Scharmützeln zurückgezogen. Der Weg, den die deutschen Soldaten nun zu nehmen haben, bietet ein ideales Terrain für einen Angriff. Hauptfeldwebel Markus Schuster steht auf dem Beifahrersitz eines Transportpanzers, er blickt aus der vorderen Luke des Fahrzeugs, das Gewehr entsichert und im Anschlag. Rechts stehen Bäume und Sträucher, links ist Erde mannshoch zu einem Wall aufgeschüttet. Plötzlich entbrennt ein stundenlanger Kampf.

          Schuster fordert über Funk Verstärkung an, als er im Augenwinkel „etwas auf sich zukommen“ sieht. Der Gegenstand zieht einen grellen Lichtschweif hinter sich her. „Panzerfaust“, denkt der Unteroffizier, da zischt das Geschoss schon dicht an ihm vorbei. Schuster blickt im nächsten Moment ungläubig auf das Dach des Panzers. Er weiß, er müsste jetzt tot sein. Die Rakete ist zwei Meter hinter ihm eingeschlagen, die Metallsplitter, die bei der normalerweise folgenden Explosion freigesetzt worden wären, hätten in seinem Gesicht oder seinem Hals verheerende Wunden gerissen. Aber der Geschosskopf ist nicht detoniert und steckt in dem Staukasten, in dem die Soldaten Gepäckstücke, Wasserflaschen und Ausrüstungsgegenstände aufbewahren.

          Dem Tod so nah

          Als Schuster Stunden später das Feldlager erreicht, wird er von den Kameraden als Glückspilz gefeiert. Aber er kann diese Begeisterung nicht empfinden. Nie ist er dem Tod so nah gewesen wie in jenem Moment, das wird ihm in der Sicherheit des Lagers schlagartig bewusst. Er ist Anfang 30, ein Berufssoldat und nicht das erste Mal im Einsatz. Aber plötzlich fragt er sich: Bin ich bereit, hier zu sterben? Bin ich bereit, eine schwere Verwundung hinzunehmen, wie ich sie hier schon oft nach Kämpfen gesehen habe? Wofür? Schuster gerät in Panik. Er ist Vorgesetzter von 30 Soldaten, er darf nicht versagen, das könnte das Leben der eigenen Männer kosten. Doch der ständige Druck und die Angst vor dem Tod haben ihn in den zurückliegenden Wochen mürbe werden lassen. Er denkt nach über die Gefechte, kann nicht abschalten, schläft nicht, wird fahrig, zieht sich zurück. Sein Vorgesetzter schickt ihn schließlich zum Militärpsychologen.

          Wenige Tage später bezieht Markus Schuster ein Zimmer im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, Abteilung 6, Psychiatrie. Die Ärzte diagnostizieren ein posttraumatisches Belastungssyndrom, eine ernsthafte Erkrankung der Seele, verursacht durch traumatische Erlebnisse in Kampfhandlungen. Ärzte nennen das „Combat Stress Disorder“. Bundeswehr-Psychiater schickten in diesem Jahr Dutzende von Soldaten aus Afghanistan nach Hause. Militärärzte wie Dr. Mario Horst Lanczik, Oberstabsarzt der Reserve, sprechen von „akuten Belastungsstörungen“, die nach Gefechten bei Kampftruppen auftreten können. „Ein Phänomen, das wir seit Jahrhunderten bei Soldaten kennen“, sagt Lanczik. Wird es nicht professionell behandelt, kann es schnell zu einer posttraumatischen Belastungsstörung auswachsen. Der betroffene Soldat ist dann entweder nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt dienstfähig.

          Untersuchungen in den amerikanischen und israelischen Streitkräften haben ergeben, dass bis zu 30 Prozent der Soldaten, die an Kampfhandlungen beteiligt waren, anschließend psychisch erkranken. „Auch wenn es für die Bundeswehr noch keine vergleichbaren Studien gibt, ist bei unseren Soldaten mit ähnlichen Raten zu rechnen“, sagt Lanczik, der im Sommer diesen Jahres als leitender Psychiater für die Bundeswehr im Afghanistan-Einsatz war.

          Unangenehme Schlüsse

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