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Afghanistan-Einsatz : Kriegsähnliche Zustände in Kundus und Berlin

In Erklärungsnot: Karl-Theodor zu Guttenberg
          10 Min.

          An diesem Mittwoch nimmt der Untersuchungsausschuss zur Causa Kundus seine Arbeit auf. In den frühen Morgenstunden des 4. Septembers wurden auf Befehl des deutschen Obersts Georg Klein nicht nur zwei von den Taliban gekaperte Tanklastzüge zerstört, sondern möglicherweise weit über hundert Menschen getötet. Mittlerweile gibt es über diese Ereignisse Hunderte Seiten von Berichten. Klein selber, die Feldjäger, der Isaf-Kommandeur, weitere Isaf-Soldaten, unterschiedlichste afghanische Kräfte, schließlich der Generalinspekteur der Bundeswehr und sogar der Minister machten sich inzwischen in Kundus ein Bild von den Geschehnissen. Was in jener Nacht passierte, ist ziemlich genau nachzuzeichnen. Was seither im politischen Berlin geschah, vor allem im Verteidigungsministerium, aber auch im Kanzleramt und im Auswärtigen Amt – das zu durchleuchten dürfte für den Ausschuss indes harte Arbeit werden.

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Die Geschichte beginnt am 3. September 2009 um 21.12 Uhr. Noch 24 Tage bis zur Bundestagswahl. In der Meldung des 20. deutschen Einsatzkontingents Isaf, adressiert an das Einsatzführungskommando in Potsdam, heißt es unter der Überschrift „Lagedarstellung“: „Wachen des PRT Kundus hörten Feuerkampf aus Richtung Kundus. Das PRT erhält die Information, dass INS (Aufständische) zwei Treibstoff-LKW entführt hätten. Absicht der INS wäre es, nun mit den LKW den Kundus-River über eine Furt zu überqueren und diese in den Distrikt Chahar Darah zu verbringen.“

          Zielkoordinate 42 S VF 8903852017

          Die Isaf-Truppen in Kundus haben in jenen Tagen und Wochen immer wieder heftige Gefechte zu bestehen, die Lage ist extrem angespannt. Seit längerem gibt es Hinweise, dass Fahrzeuge, gefüllt mit Treibstoff, als rollende Bomben gegen das Lager eingesetzt werden sollen. Neben den beiden Lastwagen ist ein dritter entführt worden; die Isaf-Soldaten wissen nicht, wo er ist. Die Nachricht von den gekaperten Tanklastern im Flussbett ist mithin beunruhigend.

          Neben dem allgemeinen Gefechtsstand der Isaf gibt es im Lager Kundus noch einen solchen der Task Force (TF) 47. Dort sind die technischen Möglichkeiten zur Auflösung von Luftbildern besser als im allgemeinen Gefechtsstand. Die TF 47 besteht in ihrem Kern aus Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK). Im Frühjahr hat Verteidigungsminister Franz Josef Jung erstmals öffentlich davon berichtet, dass das KSK in Afghanistan Taliban aufspürt und möglichst festnimmt. Von töten ist keine Rede.

          Die Angaben, wie viele Soldaten der TF 47 in jener Nacht in das Geschehen einbezogen sind, weichen voneinander ab. In manchen Berichten ist von bis zu fünf die Rede. Im Gefechtsstand der TF 47 sitzen jedenfalls zwei, ein Hauptmann und ein Oberfeldwebel. Beide gehören nicht zur KSK. Noch bevor der Kommandeur des PRT, Oberst Klein, sich einschaltet, haben sie einen im Luftraum befindlichen amerikanischen B1-Bomber kontaktiert. Er klärt die Lage aus der Luft auf.

          Kurz nach Mitternacht, so vermerkt es der später zum Auslöser eines politischen Erdbebens in Berlin werdende Bericht von Feldjägeroberstleutnant Brenner, kommt Oberst Klein in den TF-47-Gefechtsstand. Die Tankwagen stecken offenbar im Sand fest. Es sind viele Menschen in der Nähe der Fahrzeuge. Bei der späteren Zielkoordinate 42 S VF 8903852017 werden laut Feldjägerbericht 50 bis 70 Personen geortet, die als Aufständische bezeichnet werden. Die Bilder des B1-Bombers sind so gut, dass man sogar erkennen kann, welche Waffen sie tragen: Kalaschnikows und Panzerfäuste. Kann man deswegen schon sagen, dass es sich um Aufständische handelt? Im Isaf-Abschlussbericht wird zu lesen sein, dass in der Spitze 300 Personen am Ort des Geschehens waren.

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