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Afghanistan-Einsatz : Kriegsähnliche Zustände in Kundus und Berlin

Am 29. Oktober ist die Bewertung des Isaf-Berichts abgeschlossen, Generalinspekteur Schneiderhan teilt mit, der Luftangriff sei „militärisch angemessen“ gewesen. Wenige Tage später, am 6. November, bekräftigt der neue Verteidigungsminister zu Guttenberg diese Bewertung und geht sogar darüber hinaus, indem er sagt, es habe zwar Verfahrensfehler gegeben, aber auch ohne diese hätte der Angriff stattfinden müssen.

Guttenberg ist ahnungsklos

Die Ruhe hält 19 Tage. Am 25. November teilt die Redaktion der „Bild“-Zeitung dem Verteidigungsministerium mit, am nächsten Tag werde der Feldjägerbericht veröffentlicht. Guttenberg ist ahnungslos, kennt das Papier nicht. Er zitiert Schneiderhan und Wichert, die beiden wichtigsten Männer des Ministeriums, zu sich. Es ist 14.10 Uhr. Vom Verlauf des kurzen Gesprächs gibt es zwei komplett gegensätzlich Versionen. Die eine heißt, General und Staatssekretär hätten auf die Frage des Ministers, ob es weitere Berichte außer denjenigen der Isaf gebe, auch auf Nachfrage mit Nein geantwortet. Erst Guttenberg habe den Feldjäger- wie auch den Neumann-Bericht ins Spiel gebracht. Das ist Guttenbergs Sicht der Dinge. Die andere Darstellung heißt, Schneiderhan und Wichert hätten schon auf die erste Frage mit Ja geantwortet und mehrere Berichte, unter anderem den der Feldjäger, von sich aus genannt. Das ist die Perspektive des Generals und des Staatssekretärs. Die bisher nicht vorliegenden Berichte werden in zwei Stunden für den Minister zusammengestellt.

Doch Guttenberg macht beiden Herren gut zwei Stunden später klar, dass er kein Vertrauen mehr in sie habe. Am nächsten Morgen tritt er vor den Bundestag und teilt mit, Schneiderhan und Wichert gingen vorzeitig in den Ruhestand. Jung tritt am Abend vors Parlament und gesteht ein, dass er vom Feldjägerbericht wochenlang nichts gewusst und ihn selbst dann noch nicht gelesen habe, als Schneiderhan ihn von der Existenz des Papiers unterrichtet habe. Am darauffolgenden Vormittag drängt Angela Merkel Jung zum Rücktritt vom Amt des Arbeitsministers.

Guttenberg liest jetzt alle Berichte, überdenkt sein Urteil, der Angriff vom 4. September sei militärisch angemessen gewesen, und verkehrt es am 3. Dezember ins Gegenteil: nicht angemessen. Als Gründe nennt er die Gesamtschau der ihm bis dahin nicht bekannten Berichte und den falschen militärischen Ratschlag. Harte neue Fakten liefert er nicht. Ohne Medienbegleitung fliegt er zu einem Kurzbesuch nach Afghanistan. Offenbar will er den Soldaten das erklären, was er in Deutschland bislang nicht hat erklären können. Die Opposition wittert Morgenluft und fordert seit dem Wochenende Guttenbergs Rücktritt.

Am Montagabend sitzt Guttenberg in einer Talkshow. Nach einem langen Gespräch über den 4. September und die Folgen plaudert er mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und der Geigerin Anne-Sophie Mutter über das „Wohltemperierte Klavier“. Und über ein Sabbatical, das manchmal in der Politik vielleicht gar nicht schlecht wäre.

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