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Afghanistan-Einsatz : Kriegsähnliche Zustände in Kundus und Berlin

Etwa zu dem Zeitpunkt, da Holste seinen Bericht verfasst, erreichen die Druckwellen des Bombardements die deutsche Hauptstadt. Von den Zweifeln daran, ob es sich wirklich nur um Aufständische und nicht um Zivilisten gehandelt habe, ist am Morgen danach in Berlin offiziell nichts zu spüren. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums nimmt am Freitagvormittag vor der Bundespressekonferenz Stellung zu den Vorfällen der Nacht. Er bleibt hartnäckig bei der Variante, die die Informationsgrundlage für Oberst Klein war: 56 Tote, ausschließlich Aufständische, keine zivilen Opfer.

Der Isaf-Oberbefehlshaber McChrystal macht sich ungewöhnlicherweise schon am Tag nach der Bombardierung auf, den Ort des Geschehens selbst zu inspizieren. Er besucht ein Krankenhaus. Dort trifft er auf sehr junge Opfer der Bombardierung. Sein Verdacht verstärkt sich, dass Zivilisten getroffen wurden. Bei sich hat er einen weiteren Bundeswehr-Rechtsberater namens Neumann. Auch er sieht die jungen Verletzten. Während McChrystal am Samstag in Kundus auf einer Pressekonferenz äußert, für ihn sei es sehr wahrscheinlich, dass Zivilsten zu Opfern der Bombardierung geworden seien, verbreiten verschiedene prominente Mitglieder europäischer Regierungen öffentliche Kritik an dem Angriff. Später wird es heißen, das habe den Druck auf Verteidigungsminister Jung, sich vor Oberst Klein zu stellen, nur noch erhöht. Jungs Leute füttern die Redaktionen der Sonntagszeitungen ohne jede Relativierung mit der Version, Klein habe genau gewusst, dass ausschließlich aufständische Kämpfer um die Tanklaster herumgestanden hätten.

Doch schon Kleins erster Bericht, der am 5. September in Berlin ankommt, aber viel später öffentlich bekannt wird, schwächt die Darstellung ab, es sei nur um die Tanklaster gegangen und man habe die Tötung der Menschen in Kauf genommen. Klein spricht davon, dass er Taliban und Tanklaster „vernichtet“ habe. Der geheime Abschlussbericht der Isaf kommt später mit Blick auf Kleins Motiv zu dem Schluss: „Er wollte die Menschen angreifen, nicht die Fahrzeuge.“

14 Abgeordnete werden informiert

Auch Rechtsberater Neumann fasst rasch einen Bericht ab und schickt ihn nach Potsdam ins Einsatzführungskommando. Das geschieht am Sonntag, dem 6. September. Neumanns Eindrücke legen den Schluss nahe, dass es zivile Opfer gegeben hat. Am Sonntagabend sagt Bundeskanzlerin Merkel auf einer Pressekonferenz mit dem britischen Premierminister Gordon Brown in Berlin, sollte es zivile Opfer gegeben haben, so bedauere sie das.

Jungs Staatssekretär Peter Wichert unterrichtet von Anfang an die Obleute des Bundestages und die zuständigen Stellen der Bundesregierung über den Vorfall. Seine Schreiben vom 4. und 5. September waren noch wenige Zeilen kurz, enthielten sich jeder Wertung. Das Schreiben vom 7. September ist dagegen ausführlicher. Wichert gibt zwar keinen ausdrücklichen Hinweis darauf, dass es zivile Opfer gegeben haben könnte, zitiert vielmehr afghanische Quellen, die das Gegenteil behaupten. Allerdings erwähnt er, dass „zwölf männliche Verletzte, darunter ein zehnjähriger Junge, in das Krankenhaus in der Stadt Kundus zumeist mit Brandverletzungen“ eingeliefert worden seien. Das nimmt die Darstellungen McChrystals und Neumanns auf. Ausdrücklich erwähnt Wichert dessen Bericht ebenso wenig wie denjenigen Kleins. Allerdings berichtet er den Obleuten, dass „vier Taliban-Führer“ bei den Tanklastern ausgemacht worden seien. Spätestens drei Tage nach der Bombardierung wissen also vierzehn Abgeordnete des Deutschen Bundestages, dessen Wehrbeauftragter, das Bundespräsidialamt, das Bundeskanzleramt und zahlreiche Verantwortliche des Verteidigungsministeriums, dass ausdrücklich Taliban bekämpft wurden, und können sich zumindest denken, dass es vielleicht doch zivile Opfer gab.

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