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Afghanistan : Ein Land in der Warteschleife

Bringt die internationale Gemeinschaft aus dem Konzept: Abdullah Abdullah Bild: AFP

Die politische Krise in Afghanistan geht weiter: Nicht nur die Abhaltung der Stichwahl ist fraglich; zweifelhaft ist auch, dass viele Wähler an die Urnen kommen, wenn Abdullah Abdullah gar nicht mehr zur Wahl steht.

          4 Min.

          Zu seinem großen Auftritt hat Präsidentschaftskandidat Abdullah Abdullah mehr als 1000 Unterstützer in das Zelt der Ratsversammlung Loya Jirga eingeladen. Es ist ein historischer Ort: Hier wurde 2003 die Verfassung Afghanistans verabschiedet, hier wurde 2002 der Amtsinhaber Hamid Karzai zum Übergangspräsidenten gewählt.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Und hier ruft Abdullah am Sonntag seinen Anhängern zu: „Ich werde bei der Wahl am 7. November ... “ - dann macht Abdullah eine Pause, bückt sich nach einem Glas Wasser, trinkt, und setzt noch einmal an: „Wegen des Fehlverhaltens der Wahlkommission und des Machtmissbrauchs der Regierung werde ich an der Wahl am 7. November nicht teilnehmen.“ Begeisterter Beifall, „Gott ist groß“, ruft die Menge.

          Neue Runde in Afghanistans Wahlsaga

          Damit geht die wochenlange Wahlsaga Afghanistans in eine weitere Runde. Seit dem 20. August wartet das Land auf seinen neuen Präsidenten. Massive Fälschungen im ersten Durchgang und die undurchsichtigen politischen Ränkespiele hinter geschlossenen Türen haben die Bürger mürbe gemacht. Noch ist unklar, ob es trotz Abdullahs Rückzug eine Stichwahl geben wird. Fraglich ist auch, ob viele Wähler an die Urnen kommen werden, wenn einer der beiden Kandidaten auf den bereits gedruckten Wahlzetteln gar nicht mehr zur Wahl steht.

          Wer in diesen Tagen durch Afghanistan reist, erlebt eine verunsicherte und gespaltene Nation. Auf der einen Seite stehen die Unterstützer Abdullahs, Leute wie der Gouverneur der Provinz Balkh, Noor Mohammad Atta, der immer wieder mit gewaltsamen Demonstrationen gedroht hat, falls sich Amtsinhaber Karzai ohne legitime Wahl zum Sieger erklären sollte. Auf der anderen Seite stehen die Unterstützer Karzais, von denen viele überzeugt sind, dass ihr Kandidat schon im ersten Wahlgang gewonnen hat und nur die Intervention „der Ausländer“ dies verhindert habe.

          Sieben Autostunden nordwestlich von Kabul residiert Gouverneur Atta in einem Palast mit goldenen Teelöffeln und Mamorfußböden. Wie so oft in den vergangenen Wochen gibt er sich kämpferisch. „Sollte Karzai durch Manipulationen an der Macht bleiben, werden wir ihn nicht als Präsidenten anerkennen. Sollte es in der Stichwahl wieder Manipulationen geben, sind gewaltsame Reaktionen möglich“, sagt er zwei Tage vor Abdullahs Rückzug aus dem Präsidentschaftsrennen. Der ehemalige Bürgerkriegskommandeur trägt heute Joop-Socken und Lackschuhe. Seine Provinz regiert er mit eiserner Faust. Wenn die Menschen auf der Straße über ihn sprechen, fangen sie an zu flüstern. Doch der junge Kriegsveteran ist auch ein guter Manager. Er hat Balkh zur wirtschaftlich erfolgreichsten Provinz gemacht und dabei selbst recht gut verdient.

          Kein Geld für Massenauftritte

          Nachdem Karzai ihn aber als Vizepräsidentschaftskandidat verschmähte, hat er sich auf die Seite des Herausforderers geschlagen - und könnte sich deshalb bald im politischen Abseits wiederfinden. Es kursieren bereits Gerüchte über seinen Nachfolger.

          In Abdullahs Wahlkampfbüro in Mazar-i-Sharif hatte sich sein Rückzug bereits vor Tagen angekündigt. Von einer bevorstehenden Stichwahl war hier nichts zu spüren. „Wir brauchen keine Kampagne mehr. Die Leute kennen die Kandidaten“, hatte der lokale Wahlkampfleiter Zalmai Yunossi erklärt. In Kabul hieß es allerdings, der Herausforderer habe gar nicht mehr genug Geld für weitere Massenauftritte.

          Deutlich mehr Betriebsamkeit gibt es zehn Autostunden weiter südöstlich in Dschalalabad, wo ein lokaler Machthaber zu Ehren Karzais auftischen lässt: 175 Kilogramm Rindfleisch, 210 Kilogramm Äpfel und 210 Kilogramm Trauben, dazu Unmengen an Reis mit Rosinen werden auf Plastikdecken in einem hochherrschaftlichen Garten verteilt. Mit Reden allein lässt sich in Afghanistan kein Wahlkampf betreiben. Ohne Mittagessen lassen sich keine Anhänger gewinnen.

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