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Afghanistan : Ein Krankenhaus im Krieg

Wo Gewalt schon Gewohnheit ist: Afghanische Polizisten sprechen im Krankenhaus mit einem Opfer des jüngsten Anschlags auf eine Hochzeitsfeier in Kandahar Bild: AP

Ein Besuch im überfüllten Mirwais-Krankenhaus in Kandahar verrät viel über den Krieg, der in der Provinz tobt. Dort liegen Menschen, die für ihr Leid eher amerikanischen Bomben die Schuld geben als Selbstmordattentätern der Taliban.

          Es ist kurz nach zehn Uhr abends, als der Krieg wieder einmal über das Mirwais-Krankenhaus hereinbricht. Innerhalb weniger Minuten werden 87 Verletzte in das 380-Betten-Hospital eingeliefert. In Taxis und Polizeiautos. Denn die Krankenwagen verlassen die Stadt aus Sicherheitsgründen schon lange nicht mehr. Über das Staatsfernsehen werden alle verfügbaren Ärzte in die Klinik gerufen, im Radio wird zu Blutspenden aufgerufen. 19 der 87 Verletzten überleben die Nacht nicht. In Arghandab, einem Distrikt in der südafghanischen Provinz Kandahar, hat sich ein Selbstmordattentäter auf einer Hochzeitsfeier in die Luft gesprengt. So jedenfalls lautet die offizielle Version der Ereignisse. Die Patienten werden später etwas anderes erzählen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Ein Besuch im Mirwais-Krankenhaus von Kandahar verrät viel über den Krieg, der draußen tobt. Darüber, mit welchen Mitteln er geführt wird. In welchen Distrikten er am heftigsten wütet. Und welche Kosten er fordert. Auf der Intensivstation liegen die Opfer von Autobomben, verirrten Kugeln, Luftangriffen und Selbstmordattentaten. Rund 70 Prozent der Patienten, die hier operiert werden, haben Kriegsverletzungen erlitten.

          Bis heute weiß er nicht genau, was passiert ist

          Die Röntgenbilder, die an den Fußenden ihrer Krankenbetten aufbewahrt werden, zeigen neben den Knochen kleine weiße Flecken, die von Granatsplittern und Geschossteilen zeugen. Für gewöhnliche Unfallopfer und Blinddarmpatienten bedeutet das monatelange Wartezeiten. Im gesamten südlichen Afghanistan gibt es keine zweite Klinik, in der komplexe chirurgische Eingriffe vorgenommen werden können. Deshalb kommen die Patienten auch aus den umkämpften Nachbarprovinzen Urusgan, Zabul und Helmand.

          Die Zahl der Verwundeten steigt: Das Krankenhaus in Kandahar ist völlig überfüllt

          In einem der Krankenzimmer liegt Mohammad Gran. Ein Verband bedeckt seine Brust. In seinem rechten Arm steckt ein Infusionsschlauch. Der junge Bauer war auf der Hochzeit in Arghandab, die vor einigen Tagen in einem Blutbad endete. Bis heute weiß er nicht genau, was passiert ist. Nur, dass sein Vater, sein Schwager und ein Onkel getötet wurden. „Wir waren gerade dabei, das Essen zu verteilen“, berichtet er. An die Zeit danach kann er sich nur schemenhaft erinnern. „Als ich aufwachte, waren alle dabei, nach Überlebenden zu suchen.“

          Den Erklärungen der Behörden, dass die Taliban einen Selbstmordattentäter in den Hochzeitssaal eingeschleust hatten, glaubt Gran nicht. Er ist überzeugt, das amerikanische Militär habe die Gesellschaft aus der Luft bombardiert, weil die Hochzeitsgäste als Ausdruck der Freude mit Gewehren in die Luft geschossen hatten. „Die Koalitionstruppen haben uns gesagt, dass wir das nicht tun sollen“, sagt der Patient. „Aber es ist doch unsere Tradition.“ Auch andere Verletzte und einige Ärzte glauben an diese Version. „Wir vertrauen den Amerikanern nicht!“, ruft ein aufgebrachter Vater, dessen Sohn im Nachbarbett liegt.

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