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Afghanistan : Die Spannung ist aus den Gesichtern gewichen

Zuversicht im Kleinen: Ein Junge schenkt die afghanische Nationalflagge bei einem Fußballspiel in Kabul Bild: AFP

Es ist nicht alles gut in Afghanistan, auch wenn die Nato viel Zuversicht an den Tag legt und die Polizei aufgerüstet hat. Aber es gibt dort auch nicht mehr nur die Prediger des unvermeidlichen Scheiterns. Der neue Ton kam mit General Petreaus.

          Kabuls Straßenhändler haben einen neuen Artikel ins Sortiment aufgenommen: die afghanische Nationalflagge. Vierzig Zentimeter hoch, mit goldenem Knopf und goldenem Sockel kostet sie zwei Dollar. Zuversicht zeigt sich manchmal im Kleinen. „Seit fünf Monaten gab hier es keinen Anschlag mehr“, sagt Obaid Rashid, ein Informatikstudent, „und das macht Mut“. Es scheint, als hätten die Sicherheitsbehörden ein paar Jahre des Experimentierens gebraucht, um Kabul ausreichend zu sichern.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Sensible Stadtteile sind nur noch mit Sondererlaubnis befahrbar. Die Polizei hat spürbar aufgerüstet: Aus den 5000 Schutzmännern, die vor einem Jahr in Kabul patrouillierten, sind 20.000 geworden. Wegen der Kontrollposten staut sich der Verkehr nun noch mehr, aber der Stimmung schadet es nicht. Den Menschen, die vor den üppigen Auslagen der Läden um Preise feilschen, ist die Anspannung der vergangenen Jahre aus den Gesichtern gewichen.

          Den Erfolgszahlen der Nato traut Saeedi nicht

          Glaubt man den Generälen der Internationalen Schutztruppe (Isaf) steht Kabul für mehr. Sogar in den umkämpftesten Provinzen des Landes, Kandahar und Helmand, stabilisiere sich die Situation, sagt Brigadegeneral Josef Blotz. Selbst das Wort von der „Trendwende“ geht dem Isaf-Sprecher behutsam von den Lippen. „Wir machen Fortschritte“, sagt er, „militärisch und politisch“. Schon seit einigen Wochen dringen mehr gute als schlechte Nachrichten aus Afghanistan. Verbreitet werden sie vor allem von amerikanischen Korrespondenten, die nah an den Isaf-Kommandeur Petreaus herangelassen werden: Durchbrüche bei Offensiven, wirkungsvolle Operationen von Spezialkräften, Überläufer aus dem Lager der Taliban und nicht zuletzt Fortschritte im „Versöhnungsprozess“ zwischen der Regierung Karzai und den Taliban. Ist es der Isaf unter ihrem neuen Kommandeur tatsächlich gelungen, nach Jahren der Misserfolge den Abwärtstrend zu stoppen?

          Aufgerüstet: Aus 5000 Schutzmännern sind 20.000 geworden

          „Alles Propaganda“, sagt Ahmed Saeedi. Der Politikwissenschaftler, der fünf Bücher über Afghanistan und Pakistan geschrieben hat, sitzt auf dem Boden seiner Plattenbauwohnung, über ihm hängt ein Wandteppich mit den Provinzen Afghanistans. „Die Zukunft dieses Landes wird nicht im Kampf zwischen Nato und Taliban entschieden“, sagt er. „Afghanistan ist zum Schachbrett vieler Mächte geworden, die hier ihre Stellvertreterkriege führen: Amerika, Iran, Pakistan, Indien, Russland.“

          Saeedi tritt oft im afghanischen Fernsehen auf, und immer sagt er, dass die Probleme nur an einem runden Tisch gelöst werden können. Den Erfolgszahlen der Nato traut er nicht. „Hunderte von Kämpfern und Anführern sollen in den letzten Monaten getötet worden sein, aber haben Sie je die Leichen gesehen?“, fragt Saeedi. „Belegt ist nur die Zahl gefallener Nato-Soldaten - und nie waren es mehr als in diesem Jahr.“

          Die Sicherheitslage ist auch eine Frage der Perspektive und ihrer Kommunikation. Am vergangenen Wochenende meldete die Nato einen weiteren Erfolg in der Provinz Paktika; Dutzende Taliban seien in Gefechten getötet worden. Die anderen Meldungen des Wochenendes musste man sich mühsam zusammensuchen: In Kandahar starben der stellvertretende Polizeichef und ein Stammesältester bei einem Bombenanschlag, in Herat wurden zehn afghanische Polizisten von Aufständischen getötet. Ähnlich verhält es sich mit den Erfolgsmeldungen über das Training der afghanischen Sicherheitskräfte. Mit 140.000 Soldaten und 120.000 Polizisten sind heute mehr denn je im Einsatz. Doch selten wird über die steigende Abwanderungsrate gesprochen: In einigen Einheiten, wie bei der vergleichsweise gut ausgebildeten Bereitschaftspolizei, ist sie auf siebzig Prozent gestiegen.

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