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Afghanistan : „Wir haben einen Plan für das, was jetzt kommt“

Generalmajor Chris Donahue besteigt als letztes Mitglied der US-Streitkräfte ein Frachtflugzeug, mit dessen Abflug der US-Militäreinsatz in Afghanistan endet. Bild: U.S. Central Command/dpa

Die letzten amerikanischen Soldaten haben Afghanistan verlassen. Damit endet ein 20 Jahre langer Krieg. US-Außenminister Blinken versichert: „Amerikas Arbeit in Afghanistan geht weiter“. Wie lassen sich Ausreisen künftig organisieren?

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Die letzten Militärflugzeuge starteten am Montag vom Flughafen in Kabul – nun sind keine amerikanischen Soldaten mehr in Afghanistan. Der Oberkommandierende des zuständigen Central Command, Kenneth Frank McKenzie, sagte im Pentagon, dass damit auch die Evakuierungsmission aus Kabul beendet sei.

          Der Abzug sei mit viel Schmerz verbunden, so der Kommandeur, denn „wir haben nicht alle heraus gekriegt, die wir herauskriegen wollten“. Seit Juli waren 123.000 Bürger der Vereinigten Staaten und verbündeter Nationen sowie afghanische Mitarbeiter und besonders Schutzbedürftige ausgeflogen worden. Allein seit dem 14. August flogen die Amerikaner und andere Nationen 79.000 Menschen aus Kabul aus.

          Präsident Joe Biden bezeichnete den Einsatz am Montag in einer Stellungnahme als beispiellos in „Mut, Professionalität und Entschlossenheit“. Biden bekräftigte seine Entscheidung zum Abzug ein weiteres Mal, indem er schrieb, dies sei der beste Weg gewesen, das Leben der eigenen Soldaten zu schützen. Am Dienstag will er wieder eine Rede dazu halten.

          Damit endet der zwanzig Jahre dauernde Krieg in Afghanistan, den George W. Bush nach dem Terror vom 11. September 2001 begann, um Osama bin Laden, die Terrororganisation Al Qaida und die sie deckenden Taliban zu bekämpfen. In den Kriegsgebieten kamen laut der Brown Universität in den vergangenen zwei Jahrzehnten 241.000 Menschen ums Leben, davon waren 71.000 afghanische und pakistanische Zivilisten. Mehr als 2300 amerikanische Militärangehörige starben in Afghanistan.

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          Der Krieg kostete die Amerikaner insgesamt zwei Billionen Dollar. Sie versorgten das afghanische Militär mit Waffen im Wert von 83 Milliarden Dollar – die Rüstungsindustrie profitierte davon, doch eine stabile Führung ließ sich nicht aufbauen. Der Geheimdienst CIA rüstete auch verschiedene Milizengruppen auf, die Islamisten bekämpfen sollten.

          Donahue war der letzte US-Soldat in Afghanistan

          In den 24 Stunden bis zum Montagmorgen flogen 26 C-17-Militärflugzeuge noch einmal 1200 Menschen aus. Die letzten Amerikaner, die Kabul verließen, waren Botschaftsvertreter Ross Wilson und General Christopher Donahue, Kommandeur der 82. Luftlandedivision. An Bord der letzten fünf US-Flugzeuge waren außer ihnen keine amerikanischen Staatsbürger mehr. Donahue war damit der letzte der insgesamt mehr als 775.000 Soldaten, die die Amerikaner im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre nach Afghanistan geschickt hatten.

          Die Armee veröffentlichte ein Foto, auf dem der General kurz vor dem Besteigen des Flugzeugs zu sehen war. Donahue war erst kürzlich nach Kabul entsandt worden, um die Sicherung des Flughafens zu unterstützen. Der Sender CNN zeigte ein Video, in dem Taliban zu sehen sind, die in einen Hangar am Flughafen laufen, in dem aufgegebene amerikanische Militärhubschrauber stehen. Der Großteil des militärischen Materials soll unschädlich gemacht worden sein; die Amerikaner hatten vor dem Abzug auch noch eine CIA-Basis bei Kabul gesprengt. Die Taliban feierten den Abzug der Soldaten mit Schüssen in die Luft, wie einer ihrer Sprecher bei Twitter schrieb.

          Ein Transporthubschrauber wird am 28. August in Kabul in ein amerikanisches Militärtransportflugzeug verladen.
          Ein Transporthubschrauber wird am 28. August in Kabul in ein amerikanisches Militärtransportflugzeug verladen. : Bild: dpa

          Außenminister Antony Blinken sagte am Montagabend, dass die Vereinigten Staaten weiterhin alles tun würden, um Menschen zu helfen, die das Land verlassen wollen. Das gelte sowohl für Amerikaner als auch für Afghanen, die für die Vereinigten Staaten gearbeitet hätten. Die Regierung schätzt, dass noch um die einhundert amerikanische Bürger im Land sind.

          Man arbeite gegenwärtig daran, diese ausfindig zu machen. „Amerikas Arbeit in Afghanistan geht weiter, wir haben einen Plan für das, was jetzt kommt, wir setzen ihn um“, versicherte Blinken auch. Die mit Afghanistan befassten Diplomaten würden nach der Evakuierung der Botschaft von Doha in Qatar weiter arbeiten. „Die militärische Mission ist vorbei, eine neue diplomatische Mission hat begonnen“, formulierte es der Minister.

          Wie lassen sich Ausreisen künftig organisieren?

          Blinken hatte zuvor eine Telefonkonferenz mit Außenministern der G-7-Staaten abgehalten. Man habe diskutiert, wie auch in Zukunft die Ausreise von Afghanen organisiert werden könne, etwa durch Verhandlungen mit den Taliban über eine Wiedereröffnung des zivilen Flughafens in Kabul. Durch die Hilfe der Türkei und Qatars könne vielleicht bald eine kleine Anzahl täglicher Charterflüge starten, so der Minister. Laut Außenminister Heiko Maas sollen allein 40.000 ehemalige afghanische Mitarbeiter und Schutzbedürftige noch auf ihre zugesagte Aufnahme in Deutschland warten.

          Am Montag verabschiedeten die Vereinten Nationen eine von den Amerikanern eingebrachte Resolution an die Taliban. Diese könnten nur dann auf formelle internationale Beziehungen hoffen, wenn sie drei Kriterien erfüllten. Menschen, die das Land verlassen wollten, dürften nicht daran gehindert werden, die Rechte von Frauen, Kindern und Minderheiten müssten respektiert werden – und Terrorattacken gegen Amerikaner und ihre Verbündeten dürften nicht verübt oder die Täter gedeckt werden.

          Die Amerikaner hatten in den vergangenen Tagen immer wieder vor neuen Terrorattacken gewarnt. Am vergangenen Donnerstag waren mindestens 169 Afghanen und 13 amerikanische Soldaten bei einem Selbstmordattentat am Kabuler Flughafen gestorben, zu dem sich die mit den Taliban verfeindete Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) bekannt hatte.

          Die Amerikaner hatten dann am Sonntag mit einer Drohne in einer Wohngegend in Kabul einen mutmaßlichen Selbstmordattentäter ins Visier genommen. Bei dem Schlag starb aber auch eine zehnköpfige Familie. Unter den Toten sind afghanischen Angaben zufolge sieben Kinder, darunter zwei zweijährige Mädchen. Pentagon-Sprecher John Kirby sagte am Montag, der Vorfall werde untersucht.

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