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Afghanistan : Die Kronprinzen von Kandahar

Mächtiger Onkel in Kandahar: Ahmad Wali Karzai, Bruder des Afghanischen Präsidenten Hamid Karzai Bild: picture alliance / dpa

Zwei Neffen Hamid Karzais sind dem Ruf des Geldes und ihrer Verwandten in den Süden Afghanistans gefolgt. Dort wollen die College-Boys aus Amerika zu Stammesführern der Zukunft werden. Das gefällt nicht jedem in Kandahar.

          Schon in den ersten beiden Worten steckt die ganze Widersprüchlichkeit seines Daseins. „Hi guys“, sagt Zabeh Karzai, als sei er soeben aus einem amerikanischen College-Film entstiegen. Der Neffe des afghanischen Präsidenten steht inmitten einer Gruppe von Stammesältesten. Mehr als hundert von ihnen haben sich am Morgen im Haus des Präsidentenbruders Ahmad Wali Karzai in Kandahar eingefunden. Es geht zu wie an einem mittelalterlichen Königshof. In den Zimmern des mehrstöckigen Hauses sitzen Militärs, Unternehmer, Stammesvertreter, Männer mit Bärten und Turbanen und warten auf eine Audienz bei Ahmad Wali Karzai, genannt „AWK“, dem mächtigsten Mann im Süden Afghanistans.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Mittendrin ist Zabeh Karzai, 25 Jahre alt, bis 2008 Student in Kalifornien. Damals trug er Jeans und T-Shirt, hatte eine amerikanische Freundin, einen amerikanischen Pass und kannte Afghanistan nur aus dem Fernsehen. Dann entschied er sich, gemeinsam mit seinem älteren Bruder eine Firma in Kandahar zu gründen. Dort, wo derzeit ein Goldrausch um Zulieferverträge für das amerikanische Militär ausgebrochen ist.

          Der Schäferhund der Karzai-Brüder heißt Obama

          Altus Supply Services and Logistics, so heißt das Unternehmen, es beliefert die internationalen Truppen im Süden mit Fahrzeugen und technischem Gerät. Vielleicht ist es Zufall, dass Zabeh an diesem Morgen im Haus seines Onkels weilt. Möglich ist aber auch, dass Ahmad Wali Karzai ihn gebeten hat, die ausländischen Reporter in Empfang zu nehmen, um sie milde zu stimmen. Denn AWK bekommt in der Regel keine gute Presse. Ihm werden regelmäßig Verbindungen zum Drogenhandel, zu fragwürdigen privaten Sicherheitsdiensten und Grundstücksgeschäften nachgesagt.

          „Nennen Sie mich Zak“, sagt der junge Mann und setzt ein charmantes Lächeln auf. Er sei enttäuscht von der Berichterstattung über seinen Onkel. „Sie müssen bedenken“, sagt Zabeh Karzai, „dass schon acht Selbstmordattentate auf ihn verübt wurden.“ Damit will er wohl sagen: Wenn es „AWK“ allein um persönliche Bereicherung gehen würde, hätte er sich dafür einen angenehmeren Ort aussuchen können. „Sie müssen bedenken“ - so beginnen viele von Zabehs Sätzen, wenn er über die ständigen Widersprüche zwischen seiner amerikanischen Erziehung und der Realität in Kandahar spricht. Die Charmeoffensive mündet in einer Einladung zum Abendessen.

          Am Eingang nimmt Obama die Gäste in Empfang - der Schäferhund der Karzai-Brüder. Zabeh und Ahsan sitzen im Arbeitszimmer über ihren Apple-Laptops. Auf dem Tisch steht eine Obstschale mit Lychees, Früchten, die es sonst in ganz Afghanistan nicht gibt. Mit einer Klingel unter seinem Schreibtisch ruft Zabeh einen Bediensteten heran, der den Tee serviert.

          Aus den College-Boys sind in Kandahar Kronprinzen geworden. Aber der Preis, den sie dafür zahlen, ist hoch. Rund 15 Bombenanschläge wurden in den vergangenen Wochen in diesem Teil der Stadt verübt. 60 Fensterscheiben hätten sie austauschen müssen, berichtet Zabeh. Während er noch spricht, kommt per SMS die Nachricht „Abdul Jabar ist tot“. Der Distriktgouverneur von Arghandab sei ein Freund gewesen, sagt der Karzai-Neffe. An solche Nachrichten habe er sich inzwischen gewöhnt. Neulich sei er auf einer Beerdigung von der Familie des Toten gebeten worden, möglichst schnell wieder zu gehen. „Mit den Karzais will niemand assoziiert werden“, sagt Zabeh. Aus Angst.

          „Wir sind hier die Stammesführer“

          Anfangs kam Zabehs amerikanische Freundin noch alle zwei Monate aus Kalifornien. Dann nicht mehr. „Man muss loslassen können“, sagt der junge Mann und spricht über seine Vorfahren. Über seinen Großvater etwa, der von den Taliban ermordet wurde. Es ist wohl eine Mischung aus Abenteuerlust, Geschäftssinn und dem Gefühl familiärer Verpflichtung, die ihn 2009 nach Kandahar trieb. „Wir sind hier die Stammesführer“, sagt er. Ein kurioser Satz für einen jungen Mann, der seine Freizeit mit Hollywoodfilmen, einem Boxsack und einer Laufmaschine verbringt. Sein Bruder Ahsan gesteht freimütig ein: „Wir würden innerhalb einer Woche durchdrehen, wenn wir auch noch die Abende mit den Stammesältesten verbringen müssten.“ Viele von ihnen würden nur alle zwei Wochen ihre Kleidung wechseln.

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