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Afghanistan : „Die Bombardierung war legitim“

Afghanische Soldaten räumen den Unglücksort auf Bild: AP

Für den Ermittler aus Kabul ist die Sache klar: Der Luftangriff vom Freitag hat die Sicherheit verbessert. Für Oberst Klein, der den Luftschlag befahl, ist das kein Trost mehr. Von den Nato-Verbündeten hagelte es scharfe Kritik.

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          Die Enttäuschung und Strapazen der vergangenen Tage stehen Oberst Klein ins Gesicht geschrieben, als er am Dienstag eine Untersuchungskommission der afghanischen Regierung im Bundeswehrlager in Kundus empfängt. Der Kommandeur des Wiederaufbauteams steht fast unbeteiligt neben den Besuchern aus Kabul, so als sei er nur ein einfacher Soldat. Er sitzt stumm daneben, als der Leiter der Delegation, Mirza Mohammad Yarmand, das Wort ergreift. Doch was der Chef der afghanischen Kriminalpolizei zu sagen hat, dürfte Balsam auf die Seele Kleins sein. „Die Verantwortung für die Tötung von Zivilisten liegt allein bei Mullah Abdurrahman und nicht bei den Koalitionstruppen oder dem Wiederaufbauteam“, sagt Yarmand.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Das, was er zur Begründung anführt, hat mit militärischen Einsatzregeln wenig zu tun. Es ist eine Mischung aus islamischen Gesetzen und aus moralischem Empfinden. Mullah Abdurrahman ist oder war - über seinen Tod gibt es nur Mutmaßungen - der „Schattengouverneur“ der Taliban von Aliabad, einem Distrikt südlich von Kundus. Der, sagt Yarmand, habe am Freitagabend die beiden Tanklastwagen entführt und die Fahrer, bis auf einen, ermordet.

          „Mit ihrem Handeln haben sie die Taliban unterstützt“

          Abdurrahman habe die Anwohner aus 16 umliegenden Dörfern herbeigerufen, um Benzin aus den Tanks abzuzapfen. Der einzige überlebende Fahrer habe ausgesagt, dass ein Teil der herbeigeeilten Leute Unterstützer der Taliban gewesen seien und das Benzin für die Aufständischen hätten aufbewahren sollen. Anderen wiederum hätten die Aufständischen den Treibstoff verkauft. Mit dem Geld, vermutet der Polizist, hätten die Aufständischen Waffen oder Munition kaufen können.

          Ein afghanischer Soldat rollt ein leeres Benzinfass von einem ausgebrannten Tanklastwagen weg

          Aus alledem ergibt sich für Yarmand eine Mitschuld der Opfer, die bei der späteren Bombardierung des Ortes in einem Flammeninferno ums Leben kamen: „Mit ihrem Handeln haben sie die Taliban unterstützt.“ Es sei bekannt, dass sich in der Gegend, in der die beiden Bomben abgeworfen worden seien, nach Einbruch der Dunkelheit nur Aufständische und Kriminelle herumtrieben. Die deutschen Soldaten hätten nicht wissen können, dass sich dort nachts um zwei Uhr Zivilisten aufhielten. Daraus zieht der Delegationsleiter den Schluss: „Die Bombardierung war in unseren Augen legitim.“ Auch bei der Bewertung der Folgen des Luftangriffs kommt Yarmand zu einem Ergebnis, dass nicht so recht zu den kritischen Stimmen der vergangenen Tage passt: „Wenn 45 Feinde der Regierung vernichtet wurden, hat das eine positive Wirkung auf die Sicherheitslage.“

          Verstoß gegen den Geist der neuen taktischen Direktive

          Das mag ein schwacher Trost sein für den deutschen Oberst, um den es in den vergangenen Tagen einsam geworden war. Von den Nato-Verbündeten hagelte es scharfe Kritik an seiner Entscheidung, die beiden entführten Tanklaster bombardieren zu lassen. Besonders hart war der Schlag, den ihm der Oberkommandierende der Nato- und der amerikanischen Truppen in Afghanistan, General McChrystal, zufügte, als der am Samstag mit eigener Entourage und wehenden Fahnen das deutsche Feldlager aufsuchte. Ein Beobachter beschrieb den Auftritt des Generals als „Inquisition“.

          Der General setzte durch, dass ein Reporter der Zeitung „Washington Post“ an seinem Gespräch mit Oberst Klein teilnehmen durfte - angeblich, weil der für ein Buch recherchierte. Am nächsten Tag durfte Klein dann in der Zeitung lesen, dass die amerikanische Seite seine Entscheidung als Verstoß gegen den Geist der neuen taktischen Derektive des Generals wertete. McChrystal kritisierte überdies mehr oder weniger offen das deutsche Krisenmanagement; schon vor dem Besuch in Kundus hatte er sich im Fernsehen für mögliche zivile Opfer entschuldigt.

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