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Afghanistan : Der Scharfmacher von Mazar-i-Sharif

Die Wahlkampagne von Abdullah, hier bei einer Konferenz in Kabul, wurde großzügig von Gouverneur Atta finanziert. Bild: Reuters

Er galt als einer der besten Partner der Deutschen in Afghanistan. Nun aber gefährdet der Gouverneur Atta Muhammad Noor einen friedlichen Machtwechsel.

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          In den vergangenen Tagen hat Atta Muhammad Noor in seinem Gouverneurspalast mehrfach ungebetenen Besuch von Soldaten einer amerikanischen Spezialeinheit erhalten. Das berichten Diplomaten und ranghohe afghanische Regierungsmitarbeiter. In Washington sei man sehr besorgt über das Gebaren des Gouverneurs der nordafghanischen Provinz Balkh, heißt es. Die amerikanischen Soldaten würden Atta bei jedem Besuch klarmachen, dass es nicht zu seinem Besten wäre, wenn er gegen die Interessen Washingtons handeln würde. Auch deutsche Diplomaten haben in den vergangenen Tagen versucht, mäßigend auf ihn einzuwirken. Denn Atta ist der Scharfmacher im Lager des afghanischen Präsidentschaftskandidaten Abdullah Abdullah, das nach der Wahl vor drei Monaten um eine Machtbeteiligung kämpft. Der Gouverneur ist einer der Hauptgründe dafür, dass es noch immer keinen neuen Präsidenten in Afghanistan gibt.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Atta hat damit gedroht, dass seine Leute Regierungsgebäude stürmen und besetzen würden, falls Abdullahs Lager nicht die Hälfte der Posten in der Regierung bekomme. Er hat eine orangefarbene Revolution wie in der Ukraine angekündigt und seine Leute in Kabul instruiert, orange Fahnen nähen zu lassen. Manche halten das für eine reine Drohkulisse. Andere sehen in Atta den Königsmacher oder zumindest eine Schlüsselfigur, der Abdullahs Kampagne zum Guten wie zum Schlechten wenden kann. Atta hat Abdullahs Wahlkampagne finanziert. Von 100 Millionen Dollar ist die Rede. Atta sei der Einzige, der die Kräfte der Nordallianz zu gewaltsamen Protesten mobilisieren könne, sagt ein afghanischer Journalist.

          Attas Drohungen sind ernst zu nehmen

          Der Gouverneur von Balkh gehört zu den reichsten Männern des Landes. Er beherrscht das wichtigste Wirtschaftszentrum außerhalb der Hauptstadt Kabuls: In Mazar-i-Sharif betreibt auch die Bundeswehr ihr Hauptquartier, hier wurden mit deutscher Unterstützung ein Flughafen und eine Bahnverbindung nach Tadschikistan gebaut. Niemand kann in Balkh Geschäfte machen, ohne Atta einen Teil des Gewinns abzutreten, sagt der Journalist Saeed Haqeqi. Er ist einer der wenigen Gesprächspartner, der im Zusammenhang mit Atta bereit ist, sich namentlich zitieren zu lassen. Das mag daran liegen, dass er für Mitra TV arbeitet, Attas landesweit operierenden Fernsehsender. Haqeqi sagt: „Abdullah ist nur eine Marionette von Atta. Ohne ihn wäre er nie, wo er jetzt ist.“ Es mag sein, dass auch der Journalist Haqeqi Teil von Attas Drohkulisse ist. Jedenfalls sagt er, Atta wolle sich als Führer aller Tadschiken im Land etablieren. Die Chance dazu bietet ihm das Machtvakuum im tadschikischen Lager, das durch den Tod des Nordallianzführers Muhammad Qasim Fahim entstanden war. In den vergangenen Monaten hat Atta mit viel Geld Allianzen mit früheren Bürgerkriegskommandeuren im ganzen Land geschmiedet, die noch immer über Waffen und Kämpfer verfügen.

          Die UN nehmen Attas Drohungen ernst. In dieser Woche zogen sie einen großen Teil ihrer Mitarbeiter aus Mazar-i-Sharif ab, nachdem in Kabul rund 100 Demonstranten vor dem UN-Hauptquartier „Tod den Vereinten Nationen“ gerufen und durchgestrichene Bilder des Unama-Chefs Jan Kubis hochgehalten hatten. In ungewohnt deutlichen Worten erklärte die UN-Afghanistan-Mission, Einschüchterungen und verbale Attacken gegen die UN seien nicht akzeptabel. Wenn solche Schmähungen weitergehen, werde man gezwungen sein, die Aktivitäten der UN deutlich einzuschränken.

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