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Afghanistan : Der Scharfmacher von Mazar-i-Sharif

Der Provinzmanager mit dem Dreitagebart

Abdullahs Gegner bei der Präsidentenwahl, Ashraf Ghani Ahmadzai, der vermutlich nächste Präsident Afghanistans, hatte im Wahlkampf erklärt, er werde Fürstentümer wie jenes von Atta nicht mehr dulden und ihn in eine andere Provinz versetzen. Im Ghani-Lager ist man entschlossen, dem mächtigen Gouverneur die Machtbasis und seinen Zugang zu Ressourcen zu entziehen. Auch deshalb beansprucht einer der wichtigsten Verbündeten Ghanis, der Paschtune Juma Khan Hamdard, den Gouverneursposten in Balkh für sich. In Mazar-i-Sharif wird berichtet, dass er in den von Paschtunen dominierten Distrikten von Balkh Waffen verteilen ließ.

Sollte Atta als Gouverneur abgelöst werden, hätte das eine immense Signalwirkung für den Willen einer neuen Regierung, tatsächlich Reformen einzuleiten. Denn auch der scheidende Präsident Hamid Karzai wäre den Gouverneur schon 2009 gern losgeworden, als dieser sich in der Präsidentenwahl offen gegen ihn gestellt hatte. Doch der Provinzfürst erwies sich als zu stark. Karzai konnte es sich schlicht nicht leisten, eine der wenigen prosperierenden und stabilen Regionen des Landes zu destabilisieren. Atta, wie viele Politiker des Landes ein ehemaliger Kriegsherr, hat es in den vergangenen Jahren geschafft, sich zu einem autoritären, aber effizienten Provinzmanager aufzuschwingen. Viele lokale Geschäftsleute sehen in ihm einen Garanten für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Mit seinem Hang zu Designeranzügen und seinem eleganten Dreitagebart galt er lange als gelungenes Beispiel für den Wandel vom Warlord zum modernen Administrator. Dass ihm schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, wird dabei oft verschwiegen.

Zwischen Präsidentenpalast und amerikanischer Botschaft

Doch Atta hat sich selbst in eine schwierige Lage manövriert. Über Wochen hat er die Drohungen immer weiter hochgeschraubt. Sollte sich Abdullah in Kabul mit weniger Macht zufriedengeben als von Atta verlangt, wäre das ein Gesichtsverlust für den Polterer aus dem Norden. Auch in der internationalen Gemeinschaft hat er viel Vertrauen verspielt, indem er den UN eine Beteiligung am Wahlbetrug vorgeworfen hat. In Kabul ringen derweil die beiden Präsidentschaftskandidaten weiter um eine gemeinsame Regierung. Am Dienstag hieß es zunächst, eine Einigung stehe unmittelbar bevor. Doch am Nachmittag wurden neue Differenzen gemeldet. So verlangt Abdullahs Lager, dass das endgültige Wahlergebnis nie bekanntgegeben werden dürfe, weil es durch Betrug zustande gekommen sei.

Wie an fast jedem der vergangenen Tage pendelten die Kandidaten zwischen dem Präsidentenpalast und der amerikanischen Botschaft. Die Amerikaner haben viel politisches Kapital investiert, um die Krise zu entschärfen. Fünfmal sprach Präsident Obama telefonisch mit beiden Kandidaten. Außenminister Kerry kam zweimal eingeflogen. Beim ersten Mal, heißt es in Kabul, trieb ihn die Sorge, dass Atta einen Teil der afghanischen Sicherheitskräfte zu einem Putsch bewegen könnte.

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