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Afghanistan : Der lange Schatten der Taliban

Vielen Bewohner haben Angst vor einem Krieg in Kandahar und wollen die Stadt verlassen Bild: AFP

In Kandahar wird noch immer den alten Größen des Taliban-Regimes gehuldigt. Auch die Propaganda-Poesie der Islamisten ist beliebt und wird unter der Hand verkauft. Aber vor allem die Angst der Bürger ist der Grund für ihren Einfluss.

          Der Grabstein von Mullah Jar Mohammad ist fast zwei Meter hoch und von oben bis unten mit arabischen Schriftzeichen bedeckt. Der Mann habe in seinem Leben 15 Hubschrauber abgeschossen, heißt es auf der weißen Marmorplatte. In der Taliban-Ära in den neunziger Jahren sei er Gouverneur der Provinzen Kandahar, Zabul und Herat gewesen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Sogar eine kleine Anekdote ist in den Stein eingraviert, den sein Bruder für ihn anfertigen ließ: Taliban-Führer Mullah Omar habe Jar Mohammad einmal wegen der Verschwendung von Staatsgeldern zur Rede gestellt. Dieser habe sinngemäß geantwortet: Mullah Sahib, weißt du noch wie es war, als wir nichts hatten? Schon damals habe ich alles, was ich besaß, an die Armen verteilt.

          Es ist menschenleer auf dem „Taliban-Friedhof“ von Kandahar. Der Wind trägt den Verkehrslärm von der Landstraße herüber, aus dem Fenster der angrenzenden Koranschule dringen Jungenstimmen. Ansonsten ist nur das Flattern der grünen Fahnen zu hören, die an langen Stangen über den Gräbern wehen. Mit Schnüren haben die Besucher kleine Stofffetzen daran angebracht. Darunter viel blaues Polyester, der Stoff, aus dem der Ganzkörperschleier der Frauen, die Burka, gefertigt ist. So werden in Afghanistan Märtyrer geehrt.

          Aus das Freitagsgebet warten: Kandahar ist das spirituelle Zentrum der Taliban

          Das spirituelle Zentrum als Kernpunkt der Nato-Strategie

          Kandahar ist das spirituelle Zentrum der Taliban. Hier begann 1994 ihr Siegeszug. Von hier stammen viele Mitglieder ihres Führungsgremiums, der Quetta Shura. Deshalb steht die Stadt im Zentrum der Nato-Strategie für Afghanistan. Eine Schwächung der Aufständischen in ihrem Kernland hätte große symbolische Bedeutung. Wenn sie denn gelänge.

          Mindestens ein Dutzend Größen des Taliban-Regimes sind auf dem Friedhof beerdigt. Minister, Gouverneure, Kommandeure, die aus dem damals im Chaos versinkenden Bürgerkriegsland Afghanistan eine eisige Scharia-Diktatur machten. Mullah Borjan etwa, der 1996 die Eroberung Kabuls befehligte. Mullah Rabbani, der damalige zweite Mann in der Taliban-Hierarchie. Diesen Männern wird hier gehuldigt.

          Auf den mit weißen Fliesen eingefassten Steingräbern stehen Gläser mit Salz. Daneben sind überall die weißen Körner verteilt. Viele Menschen hier glauben, dass das Salz der Märtyrer Krankheiten und Familienstreitigkeiten heilen kann. An Wochenenden und Feiertagen kommen die Pilger zu den Gräbern der Taliban.

          „Früher hatten wir so viele Besucher, dass die Parkplätze kaum ausreichten“, sagt der Friedhofswärter, ein barfüßiger alter Mann, der halb blind durch eine große Hornbrille starrt. Er kauert im Schatten einer Mauer und formt Lehmplatten. Inzwischen kämen weniger Besucher, sagt er. Die Leute seien zu sehr damit beschäftigt, Geld zu verdienen.

          Grausige Geschichten vom Friedhof

          Der Alte erzählt eine grausige Geschichte über die Anfänge des Friedhofs: Zu einer Zeit, als es noch keine Autos gab, seien die ersten sieben Koranschüler hier beerdigt worden. Angehörige der Volksgruppe der Hazara hätten ihnen die Haut abgezogen. Das klingt eher wie rassistische Folklore. Was er wohl selbst von den Taliban hält? Immerhin pflegt er ihre Gräber. „Meine Aufgabe ist es, diese Lehmplatten zu formen“, sagt der Alte. „Das ist mein Leben. Politik hat darin keinen Platz.“

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