https://www.faz.net/-gpf-vxiu

Afghanistan : Der Kampf um die Herzen der unglücklichen Brüder

Können sie Talibankämpfer aus ihren Dörfern überzeugen? Stammesälteste in Afghanistan Bild: AP

Den afghanischen Stammesältesten wird eine wichtige Rolle im Friedensprozess zugesprochen. Nun wollen sie von der Karzai-Regierung das Mandat für Gespräche mit Taliban-Kämpfern aus ihren Dörfern.

          4 Min.

          Die Stammesältesten sind sich einig: Sie wollen von der Regierung den Auftrag erteilt haben, mit Taliban-Kämpfern Gespräche zu führen, um sie zum Überlaufen zu bewegen. Aus zehn Unruheprovinzen im Osten und Süden des Landes sind die „Weißbärte“ genannten Männer nach Kabul gereist, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. Im Hotel Intercontinental beraten die Stammesvertreter auf Einladung der Nichtregierungsorganisation „Tribal Liaison Office“, wie sie den Friedensprozess unterstützen können.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          „Ohne die Hilfe der Stammesältesten wird die Regierung nicht in der Lage sein, den Aufstand zu beenden“, sagt Mohammad Nabi Tatdir vom „Tribal Liaison Office“. „Die Ältesten kennen die entsprechenden Leute, sie können am besten mit ihnen reden.“ Dagegen seien die Mitarbeiter der staatlich eingesetzten Versöhnungskommission die „falschen Leute“. Die Kommission, die Taliban-Kämpfer dazu bewegen soll, die Waffen niederzulegen, sei erfolglos geblieben, kritisiert Tatdir. „Ihre Mitarbeiter wohnen in Kabul und können nicht einmal in ihre Heimatprovinzen fahren, weil das für Regierungsangehörige zu gefährlich ist.“ Ein Stammesältester aus Logar nickt zustimmend. Er glaubt, dass er mit Aufständischen verhandeln könnte: „Wenn in Logar einer schießt, dann kenne ich ihn. Und ich kenne seinen Vater.“

          „Keinen Frieden ohne die Scharia“

          Die Kämpfer, von denen hier die Rede ist, gehören nicht zum engsten Kreis von Taliban-Führer Mullah Omar. Es sind Mitglieder paschtunischer Stämme, die sich den Taliban angeschlossen haben, weil sie sich von der Regierung Karzai oder ihren Statthaltern in den Provinzen ausgegrenzt fühlen. Viele der Redner auf der von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützten Versammlung in dem bekannten Kabuler Hotel sprechen deshalb auch nicht von Taliban oder Aufständischen, sondern von „unseren unglücklichen Brüdern“. In einer gemeinsamen Erklärung fordern die Ältesten einen staatlichen Auftrag, die Kämpfer nach ihren Forderungen zu befragen. Sollten diese legitim sein, solle die Regierung auf sie eingehen, heißt es im Abschlusspapier der Versammlung.

          Viele der Redner machen keinen Hehl daraus, dass sie einige der Motive der Regierungsgegner für legitim halten - wenn auch nicht ihre Mittel. „Das Petersberger Abkommen war einseitig. Einige Stämme haben nicht erhalten, was ihnen zusteht“, sagt Khyal Mohammad Husseini, ein ehemaliger Taliban-Kommandeur, der später von der Regierung Karzai zum Gouverneur der Provinz Zabul gemacht wurde und inzwischen im Parlament sitzt. Westliche Beobachter in Kabul verweisen darauf, dass der Aufstand gegen die Regierung teilweise von Stammeskonflikten getragen wird. Ziel müsse es also sein, diese die Kerntaliban abschirmenden Gruppen für die Regierung zu gewinnen, heißt es daher.

          Weitere Themen

          Ein Kämpfer für die Sambier

          Zum Tode Kenneth Kaundas : Ein Kämpfer für die Sambier

          Kenneth Kaunda war der Gründungspräsident Sambias nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft. Ein Vierteljahrundert lang prägte er das Land in diesem Amt. Nun ist er im Alter von 97 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock signiert am Donnerstag nach der Vorstellung ihres Buches ein Exemplar

          F.A.Z. Exklusiv : Baerbocks Pakt mit der Wirtschaft

          Die grüne Kanzlerkandidatin konkretisiert ihr Wirtschaftsprogramm. Ein zentraler Punkt sind Klimaschutzverträge, über die sie Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen will. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht.
          Problem gelöst durch Rainer Koch? Die Rücktritte aus der Ethikkommission sagen etwas anderes.

          DFB-Ethikrat aufgelöst : „Kapelle auf der Titanic“

          Der DFB sprengt seine gegen Interimspräsident Koch ermittelnde Ethikkommission – und löst Entsetzen aus unter den Betroffenen und Empörung in der Politik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.